Preußisches Lesebuch. Ausgewählt und eingeleitet von Harald von Koenigswald. Biederstein Verlag, München. 299 Seiten, 22,– DM

In den vergangenen Jahren bekam man häufig zu hören, das Ende der Nachkriegszeit und auch der Ära Adenauer sei gekommen. Ob diese Zäsur zeitlich richtig oder verspätet angesetzt wurde, können wir getrost den Historikern überlassen. Für uns hat diese Frage keine praktische Bedeutung mehr.

Weitaus wichtiger für jeden politisch Interessierten sind die Symptome, die darauf hindeuten, daß sich in der Bundesrepublik ein vorerst noch gefühlsmäßiger Wandel vorbereitet, der sich aber bald auch politisch auswirken dürfte. Mit diesem Wandel ist, um jedes Mißverständnis auszuschließen, nicht etwa das wohl schon verebbende Ansteigen der NPD gemeint. Es besteht keinerlei Anlaß für kapitolinische Gänse im In- und Ausland zu schreien, die Demokratie in Westdeutschland sei in Gefahr. Auch die Debatte über die wirtschaftliche Rezession, in der wir uns befinden, gehört nicht zu den erwähnten Symptomen. Auf eines allerdings deuten alle Zeichen hin, von denen ich hier einige erwähnen möchte: Es wächst das Unbehagen an unseren Staate oder vielmehr an der Form und dem Stil, in denen er von der regierenden Schicht gehandhabt, zu deutsch, „gemanaged“ wird.

Nur mit diesem Unbehagen ist die Unruhe unter den Studenten zu erklären und im Grunde als legitim zu bewerten. Allerdings ist die Form, in der dieses Unbehagen sich zuweilen Luft macht, zu beklagen. Auch wünschte man den Studenten und uns selber, daß sie sich über ihre Ziele etwas klarer und nüchterner auszudrücken vermöchten.

Das Denken in den Kategorien des Wohlstands und der sozialen Sicherheit steht nicht mehr im Vordergrund. Die Zeiten, in denen der sechzehnjährige Lehrling sich auf Veranlassung seiner Eltern bei Antritt seiner Stellung als erstes nach der Altersversorgung erkundigte, sind vorüber. Die Jugend erwartet wieder wie zu allen Zeiten, daß der Staat oder die Gesellschaft ihr Zukunftsaufgaben und Ziele aufzeigt, für die es lohnt, sich zu engagieren. Da Staat und Gesellschaft in diesem Punkt versagen, führt dies bei einigen studentischen Wirrköpfen sogar so weit, sich an die Lehren Mao Tse-tungs zu halten, die doch schwerlich, was immer ihr Wert für China sein mag, auf deutsche Verhältnisse übertragen werden können.

Worum es in Wirklichkeit geht, läßt sich an einer überraschenden Entwicklung ablesen: Heinrich Böll und Martin Walser, die man im bundesdeutschen Jargon wohl als „Linksintellektuelle“ bezeichnen würde, rufen nach „mehr Staat“. Unser derzeitiger Staat als eine Art Supermarkt, in dem sich jedermann, der eine Lobby hinter sich hat, frei bedienen kann, erscheint ihnen als unfähig, die Probleme des menschlichen Zusammenlebens, der Gesellschaft, zu meistern.

Auch das plötzliche Interesse für Preußen und seine Geschichte ist ein Ausfluß dieses Unbehagens. Man spürt, daß in unserm staatlichen Dasein etwas fehlt. Während die rebellierende Jugend bis hin nach China Ausschau nach Abhilfe hält, steigen die anderen, zumeist älteren, in den Schacht unserer Geschichte. Sie entdecken dort Preußen, nicht sein Gebiet und seine Staatsform, die endgültig der Vergangenheit angehören, wohl aber seine Haltung, seinen Stil. Das kann nichts schaden, wenn solch ein Nachdenken sich von jedem restaurativen Wunsch freihält. Nichts wäre bedenklicher und auswegloser, als wenn auf die Staufer-Romantik im ersten Drittel unseres Jahrhunderts eine Preußen-Romantik im letzten Drittel folgen würde.