Beim Newport Folk Festival waren die Stars des Protestsongs nicht mehr zu hören

Am zweiten von sieben Tagen des „Newport „Folk Festival“: Der Himmel ist wolkenverhangen, Regen droht den noch nicht sehr zahlreichen Besuchern des Abendprogramms, sie dürfen auf die überdachte Bühne, dort alten Liedern lauschen und sich noch ältere Geschichten erzählen lassen. Und dann: Stühle beiseite gerückt! Einige Folksinger greifen zu Fiedel und Gitarre, eine energische, gewichtige Dame langt nach dem Mikrophon, skandiert die Einsätze für den „Squarrel Dance“, in den sich nun fast alle hineinstürzen. Wie in Opas Zeiten wirbeln sie über die Bühne.

Das ist Newport 1967.

Oder auch diese Szene, zehn Tage zuvor, beim „Newport Jazz Festival“: Der Vibraphon-Workshop nähert sich seinem Ende, da treten die avancierten Prominenten, die vorher ihre Soli gespielt haben, noch einmal zuammen auf die Bühne, die Vibraphonisten Milt Jackson, Gary Burton, Lionel Hampton, Red Sullivan und Bobby Hutcherson. Aber gerade in diesem Augenblick ergießt sich ein Wolkenbruch auf das Festival-Feld. Die Regenschirme sind nicht schnell genug geöffnet, bald ist man durch und durch naß, wer hat schon Zeit für einen Regenschirm, wenn vorn heißester Jazz geswingt wird.

Beides waren hinreißende Szenen auf den beiden wichtigsten Festivals der Welt für Folksong und Jazz. Beide Szenen sind typische Beispiele. Aber sie wurden erlebt in Tagen, in denen nicht wenige Meilen entfernt über amerikanische Städte der Ausnahmezustand verhängt wurde, in den Tagen des Todes in den Neger-Gettos, in den Tagen auch von Vietnam.

Die Ereignisse in den Neger-Gettos und in Vietnam bestimmten einmal das Bild von Newport: 1963 und auch die folgenden Jahre war es für einen großen Teil der jungen Generation zum Symbol des politischen, des engagierten Liedes geworden. Damals erlebte die amerikanische Folksong-Bewegung ihren ersten großen Höhepunkt, sangen in Newport die „Freedom Singers“ für die „Civil Rights Movement“,sangen sie Lieder für den Kampf der Neger um ihre Rechte. Damals stellten sich die neuen, jungen, die sogenannten Protestsänger vor und wurden gefeiert: Phil Ochs, Tom Paxton und Bob Dylan. Sie sangen von ihrer Unzufriedenheit mit Politik und Gesellschaft, die sie zu ertragen hatten. Diese Festivals waren politische Festivals.

Irwin Silber, Redakteur eines amerikanischen Folksong-Magazins, erinnert sich wehmütig an diese Zeit: „Es gab einmal eine Zeit, als man beim Newport Folk Festival wußte, daß hier die wichtigsten Dinge gesagt wurden, daß die Sänger ein Teil der Welt waren und man dem, was sie sagten, zuhörte. Nun aber mache ich diese Erfahrung in Newport nicht mehr.“