Von Gustav Adolf Henning

Die Wangenbräune des heimgekehrten Urlaubers gilt in der gemäßigten Zone allgemein als Gradmesser genossener Erholung. Biologen und Medizinern erscheint sie eher als ein vom Organismus aufgespannter Sonnenschirm zur Abwehr ultravioletter Strahlung. Beide wissen aber auch, daß der Mensch mit der Pflanze gemein hat, eine Belichtung durch das Tagesgestirn nicht gänzlich entbehren zu können.

Warum wehrt sich der Organismus gegen die Sonne, wenn er sie braucht? Wie eine Photoplatte, nur langsamer, verdunkelt sich die Haut, wo sie belichtet wird. Daneben gibt es einen zweiten bedeutungsvolleren photochemischen Prozeß. Just die gleichen Ultraviolett-Wellenlängen, die weiße Haut bräunen, verwandeln auch das unwirksame „Provitamin“ 7-Dehydrocholesterin in das wirksame antirachitische Vitamin D2. Und im Zusammenhang mit diesem Vorgang läßt sich nicht nur verständlich machen, was es mit der Urlauberbräune auf sich hat, sondern auch, wie es zur Entstehung der schwarzen, gelben und weißen Menschenrassen kam. So jedenfalls nach einer plausiblen These des amerikanischen Biochemikers Professor W. Farnsworth Loomis von der Brandeis-Universität in Waltham (Massachussetts), die er in der Zeitschrift „Science“ (4. August) veröffentlichte.

Vitamin D paßt schlecht in die Unterteilungsgruppen „Vitamine“ und „Hormone“ der Biokatalysatoren. Im Gegensatz zum Vitamin-Schema braucht es nicht unbedingt mit der Nahrung aufgenommen zu werden, denn der Körper produziert es fast wie ein Hormon selbst, allerdings durch den Einfluß des ultravioletten Lichts. Und wie ein Ferment besorgt es, fertig verwandelt und vom Blutstrom aus der Haut wieder abtransportiert, die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm und die Verbindung von Kalzium mit Phosphat zum Aufbau des wachsenden Knochens.

Mangelt dem Körper dieser Stoff, so stellt sich Rachitis ein und Knochenerweichung. Im Gegensatz zu anderen Vitaminen aber gibt es beim Vitamin D auch dann gesundheitsschädliche Wirkungen, wenn dem Organismus über längere Zeit eine Überdosis zugeführt wird. Der Phosphor- und Kalkspiegel von Blut und Harn ist erhöht, und Kalk lagert sich in Organen und Gefäßen ab. Es verhärtet sich zum Beispiel die große Körperschlagader. Nierensteine und Verkalkungen der Niere können den Tod herbeiführen. Keine Macht hilft dem Körper, überschüssiges Vitamin D abzubauen oder auszuscheiden. Damit erhält eine Regulierung der photochemischen Synthese dieses Vitamins hohe biologische Bedeutung.

Als obere zuträgliche Grenze gilt die Zufuhr von 2,5 Milligramm Vitamin D pro Tag. Die blassen Wangen eines Kleinkindes – das sind etwa 20 Quadratzentimeter lichtdurchlässiger Haut – synthetisieren bei täglicher Belichtung eine die Rachitis gerade verhütende Menge, nämlich 0,01 Milligramm oder 400 Internationale Einheiten. Nach dieser Berechnung, die auf Experimenten basiert, ließ sich abschätzen, wieviel D-Vitamin ein Erwachsener mit anderthalb Quadratmetern Hautoberfläche pro Tropentag herstellen würde, wenn seine Hornhaut kein Pigment enthielte: 800 000 Internationale Einheiten (20 Milligramm), also das Achtfache der gerade noch als sicher geltenden Höchstdosis.

Dauernde Überdosen dieser Höhe sind jedoch durch Sonnenbestrahlung nicht möglich, denn die Haut bräunt sich durch Bildung von Melanin-Pigmenten und schafft sich damit eine Abblend-Vorrichtung. Unter den Experimental-Ergebnissen, die Loomis für seine These zusammengetragen hat, erwähnt er eine Untersuchung an 22 Europäern, deren Haut 64 Prozent einer UV-Strahlung von 300 bis 400 Millimykron durchläßt. Dagegen läßt die Haut von 29 Afrikanern, hauptsächlich nigerianischen Ibos, nur 18 Prozent durch.