Als im Mai dieses Jahres der sowjetische

Schriftstellerkongreß in Moskau stattfand, schrieb Solschenizyn, der Verfasser von „Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch“ einen offenen Brief an diesen Kongreß. Der Brief des 62jährigen, schwerkranken Mannes, dessen Romane nicht erscheinen, dessen Stücke nicht aufgeführt werden dürfen und der Redeverbot hat, ist ein bewegendes Dokument.

Solschenizyn geißelt die Zensur, „dieses Überbleibsel aus dem Mittelalter“ („Sie haben Kapitel, Seiten, Aufsätze und Sätze geändert. Der beste Teil meiner Literatur kommt verstümmelt an die Öffentlichkeit“), und er schlägt vor, der Kongreß solle die Aufhebung der offenen und versteckten Zensur fordern. Sein Brief wurde nicht verlesen, aber der Verfasser hatte dafür gesorgt, daß er in einigen hundert Exemplaren unter die Delegierten gebracht wurde. Kurze Zeit darauf forderten 82 Schriftsteller – unter ihnen auch Jewtuschenko – eine öffentliche Diskussion.

Der junge Lyriker Andrej Wosnessenski, der gerade von einer Reise durch die USA zurückgekehrt war, hat damals die Bemühungen von Solschenizyn unterstützt und überdies gefordert, es möge ein Komitee von Schriftstellern eingesetzt werden, das die unveröffentlichten Manuskripte von Solschenizyn prüfen solle. Die sowjetische Führung war verärgert über diese Stellungnahme und auch darüber, daß Wosnessenski in Amerika bei Diskussionen angeblich nicht genug Propaganda für die Sowjetunion gemacht, sich vielmehr apolitisch verhalten habe. Er wurde scharf kritisiert und gemaßregelt: Der Schriftstellerverband, der ihm bereits die Erlaubnis erteilt hatte, am 21. Juni im Lincoln Center in New York eine Dichterlesung zu veranstalten, hat diese Genehmigung im letzten Moment zurückgezogen.

Wosnessenski, empört über diese Willkür, schrieb einen sehr scharfen Brief an den Chefredakteur der „Prawda“, in dem er sich über den Mangel an Grundsätzen beschwerte und über die Lügen und Listen des Schriftstellerverbandes, der behauptet hatte, Wosnessenski sei erkrankt und könne daher nicht reisen: „Lügen, Lügen, Lügen ... Ich schäme mich, zu diesem Verein zu gehören. Das ist der Grund, warum ich diesen Brief an Ihre Zeitung schicke, die sich Wahrheit nennt.“

Aber die „Prawda“ veröffentlichte den Brief nicht. Statt dessen gelangte er in die Spalten von „Le Monde“ und macht nun von hier aus die Runde durch die westliche Presse. Eine Kopie jenes „Prawda“-Briefes hatte der ebenso zornige wie mutige Autor an den Schriftstellerverband geschickt, der Wosnessenski am 4. Juni zu sich bestellte, wo er – wie „Le Monde“ schreibt – von den anwesenden 14 Mitgliedern aufgefordert wurde zu widerrufen. Wosnessenski tat nichts dergleichen. Noch weiß man nicht, welche Konsequenzen dieses Verhalten haben wird. Wenn der Schriftstellerverband ihn ausschließt, wird die Stimme dieses überaus beliebten jungen russischen Lyrikers – seine letzte Gedichtsammlung erschien 1966 in einer Auflage von 100 000 Exemplaren – in seinem Lande zum Schweigen verdammt sein.

Unter Stalin hätte niemand sich getraut, öffentlich gegen Funktionäre aufzutreten, und ganz gewiß wäre keiner, der dies getan hätte, mit dem Leben davongekommen. Solschenizyn, der heute weder schreiben noch reden darf, hat seinen Roman über das verzweiflungsvolle Leben in den Arbeitslagern Stalins 1962 mit persönlicher Genehmigung Chruschtschows veröffentlicht. Also ein Rückschritt? Ja, offensichtlich. Dff.