Von Wolfram Siebeck

Sommerzeit ist Mückenzeit – diese alte Behauptung braucht wohl schwerlich bewiesen zu werden. Wenn das Korn reift und die Wassertemperaturen den Jahreshöchststand erreichen, sind die glücklichen Mückenhalter ein vertrauter Anblick in unseren Vorstädten. Wer sie in der Abendsonne ihre Lieblinge spazieren führen sieht, erahnt das Glück, das ein Tier für den einsamen Menschen bedeuten kann.

Und doch gibt es weite Volkskreise, die der Mücke ablehnend gegenüberstehen. Es sind jene nervösen Naturen, die in den frühen Morgenstunden, im Nachthemd und mit dem Pantoffel in der Hand, der Nachbarsmücke nachstellen. Welche böse Kraft muß die Seelen dieser Menschen ergriffen haben, daß sie die zarten Tierchen mit dem Hausschuh bedrohen, nur weil sie eine andere Tageseinteilung haben als wir Zweibeiner! Mückenbesitzer sollten allerdings die Mahnung des Tierschutzvereins beherzigen, die Mücken, beiderlei Geschlechts, durch freundliche Tanzflächen ans heimische Grundstück zu fesseln.

Viele Eigenheimbesitzer haben den anhänglichen Tierchen im Garten eine Brutstätte eingerichtet, sei es in der Form eines kleinen Blumenteiches oder eines Springbrunnens, und glauben, damit genug für die empfindlichen Dünnbeiner getan zu haben. Dem ist aber nicht so! Genauso wie der Mensch sich in Stadt- und Landbewohner einteilen läßt, so gibt es bei den Mücken die gemeine Gartenmücke und die noch gemeinere Hausmücke.

Letztere brütet nur ungern im Swimming-pool; deshalb sollten Herrchen und Frauchen daran denken, auch im Haus geeignete Plätze bereitzuhalten. Feuchte Keller (bei Mietwohnungen) und feuchter Kehricht bieten der Mückenmutter ausreichend Gelegenheit, ihre zahlreiche Nachkommenschaft großzuziehen. Der Anblick der kleinen, tolpatschigen Jungmücken wird den Hausherrn für jede Mühe entschädigen.

In welchem Alter soll man eine junge Mücke von der Mutter wegnehmen? Viele Züchter geben die Jungtiere schon nach acht bis zehn Tagen außer Haus. Aber auch Mücken brauchen Nestwärme. Je länger sie bei der Mutter bleiben, desto widerstandsfähiger werden sie später gegenüber den Pantoffeln sein. Man sollte deshalb mindestens vierzehn Tage warten, bevor man die Jungmücke einer befreundeten Familie oder Nachbarn überläßt. Wer die liebevoll gepflegten Mückengräber auf unseren Balkonen kennt, weiß, daß die Mücke sich einen Platz im Herzen unseres Volkes erobert hat, ein Platz, wo ihr die Fürsorge und Liebe entgegengebracht werden, die für das sensible Tierchen lebenswichtig sind. Sie lohnt es uns tausendfach mit ihren munteren Tänzen und dem feinen Gesang. „Eine mückenlose Nacht ist eine finstere Nacht“, sagt der Vorsitzende des Mückenzuchtvereins in Herrsching am Ammersee. Seine Vereinskollegen jucken sich beifällig.