Wenn man sein Land kritisiert, so erweist man ihm einen Dienst und macht ihm ein Kompliment. Man erweist ihm einen Dienst, wie die Kritik das Land anspornen könnte, Besseres zu leisten als bisher; man macht ihm ein Kompliment, weil in der Kritik der Glaube zum Ausdruck kommt, daß das Land Besseres leisten kann, als es der Fall ist. „Darin unterscheiden wir uns von euch“, schrieb Albert Camus in einem seiner Briefe an einen deutschen Freund. „Wir waren anspruchsvoll. Ihr aber begnügtet euch damit, der Macht eurer Nation zu dienen, und wir träumten davon, der unseren ihre Wahrheit zu schenken...“

In einer Demokratie ist eine abweichende Meinung ein Akt des Vertrauens. Wie bei einer Medizin ist der Maßstab für ihren Wert nicht ihr Geschmack, sondern ihre Wirkung, ist es nicht ausschlaggebend, welches Gefühl sie dem Patienten im Augenblick vermittelt, sondern welche Wirkung sie auf Menschen auf lange Sicht hat. Für kurze Zeit kann Kritik den Führern eines Landes ungelegen kommen, aber auf die Dauer kann sie sie in ihrer Handlungsweise bestärken. Kritik kann die allseitige Zustimmung für eine Politik zerstören, während sie eine allgemeine Übereinstimmung in den Wertmaßstäben ausdrückt. Kritik, kurz gesagt, ist mehr als ein Recht, sie ist ein Akt des Patriotismus, sie ist, wie ich glaube, Patriotismus einer höheren Form, höher als die bekannten Rituale nationaler Schmeichelei.

Die schädliche Neigung, sich vor ernsthafter Kritik an der Regierung zu fürchten, hindert viele Amerikaner daran, eine abweichende Meinung zu vertreten, wie es ihre Pflicht ist. Abstrakt zelebrieren wir die Meinungsfreiheit als einen Teil unserer patriotischen Liturgie; nur, wenn einige Amerikaner sie wirklich ausüben, sind andere schockiert. Niemand kritisiert natürlich das Recht der freien Meinungsäußerung; es ist immer nur der besondere Fall oder ihre Ausübung unter den besonderen Umständen oder der besondere Zeitpunkt, was den Menschen eine Mordsangst einjagt.

Die Intoleranz gegen Andersdenkende ist ein bekannter Zug des amerikanischen Nationalcharakters. Alexis de Tocqueville beobachtete diese Tendenz schon vor mehr als hundert Jahren: „Ich kenne kein Land, in dem allgemein weniger geistige Unabhängigkeit und weniger wahre Freiheit herrscht als in Amerika.“ Tiefgreifende Wandlungen haben sich vollzogen, seit „Über die Demokratie in Amerika“ zum erstenmal erschienen ist, und doch könnte man fragen, ob die Anerkennung des Rechts auf freie Meinungsäußerung sowohl in der Praxis als auch in der Theorie wesentliche Fortschritte gemacht hat.

Von Versammlungen in Kleinstädten bis zu hochpolitischen Beratungen findet man die Amerikaner verärgert, sobald ein Schriftsteller oder ein Politiker oder sogar ein einzelner ihre Selbstbelobigungen unterbricht und sich mit einfacher ungeschminkter Offenheit äußert. Das Problem wird unter anderem deshalb verschlimmert, weil mehr und mehr Bürger der USA ihren Lebensunterhalt mit ihrer Arbeit für Gesellschaften oder andere große Organisationen verdienen, von denen wenige dafür bekannt sind, daß sie ihre Angestellten zu nonkonformistischen Meinungen in politischen und anderen Fragen ermutigen. Das Ergebnis ist, daß mehr und mehr Amerikaner dem Dilemma gegenüberstehen, wie sich überhaupt ein einzelner ein unabhängiges eigenes Urteil bewahren und seine Fähigkeit dazu erhalten kann, in einer Umgebung, wo der sicherste Weg zum Erfolg die Übereinstimmung mit einer unfruchtbaren und knebelnden Orthodoxie ist.

Dieses Problem ist akut in der Bundesbürokra- – tie, deren angeborene Unzulänglichkeit für unorthodoxe Ideen, wären ihre Ausmaße nur bekannt, die Befürchtungen des engagiertesten Superpatrioten zerstreuen würden. In den meisten, wenn auch nicht in allen Regierungsbehörden wird Originalität vor allem auf den unteren Ebenen als eine Form der Unverschämtheit oder noch Schlimmeres angesehen, und die am meisten geschätzte Eigenschaft, die aussichtsreichste also für das berufliche Fortkommen, ist „Solidität“, die fast zu einem Euphemismus für Kleinigkeitskrämerei und Mittelmäßigkeit geworden ist.