Von Erich Fried

Mit mehreren, ihm offenbar besonders wichtigen, politischen Gedichten seines neuen Bandes „Ausgefragt“ hatte Günter Grass bei einigen Kritikern wenig Glück.

Marcel Reich-Ranicki, der den Band sonst lobt, vermutet, Grass habe gedacht, in solchen Versen sei die Politik wichtiger als die Kunst; außerdem zweifelt er an der Zweckmäßigkeit des Gedichtes „Irgendwas machen“ und wendet ein fragwürdiges Grass-Wort von den „geringen Herstellungskosten“ politischer Dichtung gegen den Autor selbst.

Noch schärfer kritisierte Peter Härtling im Spiegel diese politischen Gedichte.

Nun meine ich zwar, daß bei Grass gerade diese „Protestgedichte gegen Protestgedichte“ entscheidende, gefährliche und zum Teil für bundesrepublikanisches Denken symptomatische Irrtümer enthalten. Aber daß einige Rezensenten sie abtun, ohne auf die darin aufgeworfenen Fragen einzugehen, ist ein Unrecht, nicht nur Grass, sondern auch der Thematik dieser Verse gegenüber.

Namentlich Peter Härtling ging mit seinem Lob so fehl wie mit seinem Tadel. Er behauptete von den politischen Grass-Gedichten: „Sie reagieren genau, sagen Bescheid, aber das Wissen widersetzt sich dem gebundenen Wort. Das macht sie brüchig, anfechtbar.“ Und vom Gedicht „In Ohnmacht gefallen“ sagte er: „Was das Gedicht will, ist richtig. Es geißelt das Sekundärerlebnis, weigert sich, mit Wohlstands-Protestanten das Maul aufzureißen und in aller Bescheidenheit den Mord mit Napalm nicht zu verhindern ...“ Aber gleich darauf – und ohne Beweise – behauptet Härtling von diesem Thema: „Ins Gedicht will es nicht hinein.“

Hinter solchen Abfertigungsversuchen verbirgt sich ein Vorurteil gegen das politische Gedicht überhaupt. Aber abgesehen davon, daß zum Beispiel gerade „In Ohnmacht gefallen“ trotz seiner Gedankenfehler ein sehr wirksames Gedicht ist, könnte selbst das Mißlingen aller „Protestgedichte gegen Protestgedichte“ bei Grass die Möglichkeit des politischen Gedichtes nicht widerlegen. Dazu kommt, daß andere Protestgedichte wie „Der Neubau“ durchaus geglückt sind.