Berlin

Berlins heißer Sommer endete am Wochenende mit einem Tusch, zelebriert zu Ehren des Komunarden Fritz Teufel, den Berlins stadtstaatstragende Persönlichkeiten zunächst zum mordwilligen Humphrey-Verschwörer, dann zum potentiellen Feuer-Teufel und schließlich, am Tag des Schah-Besuchs, zum Landfriedensbrecher kreierten, den Berlins Justizbehörden zweieinhalb Monate in den Gemäuern des Moabiter Untersuchungsgefängnisses beherbergten, um dessen Freiheit willen gebombter Rauch aus den Schloten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in den geteilten Himmel drang, und wochenlang fingierte Haftbefehle gegen den Generalstaatsanwalt vom gläsernen Pfropfen des Europa-Centers herab en masse auf den Tauentzien flatterten.

Seit Mittwoch letzter Woche ist der Tunichtgut nun auf freiem Fuß, den er nur noch zweimal wöchentlich zwecks Meldung zu seinem Polizeirevier lenken muß. Die Fluchtgefahr sei gemildert, befand die 5. Ferienstrafkammer unmittelbar nachdem sie sich entschlossen hatte, der Staatsanwaltschaft die Auflage zu erteilen, endlich auch einmal einen Fritz Teufel entlastenden Zeugen zu hören. Zu spät freilich kam der Entschluß, als daß Berlins Justitia unangefochten noch den Anspruch erheben kann, die Augenbinde auf dem rechten Platz zu haben.

So feierten denn auch am letzten Sonnabend mehrere hundert Studenten im Verein mit Berlins Jeunesse dore die Haftentlassung ihres Kommilitonen als einen Erfolg ihrer zahlreichen „Befreiungsaktionen“.

Unter dem Slogan „Man muß den Teufel feiern, solange er los ist“ hatten er und seine inzwischen zahlreichen Freunde Jung und Alt zu einem „Love-in“ auf dem Kurfürstendamm eingeladen. Was kam, war freilich überwiegend jung, und was ein „Love-in“ werden sollte, blieb ein konservatives Happening, für Berlins Bürger nicht konservativ genug. Mehr als einmal forderten sie von ihrer an diesem Tag freundlichen und beherrschten Polizei energischen Eingriff in das karnevalistische Treiben, wollten nicht nur die Kommunarden, sondern das ganze „studentische Pack“ lieber vergasen oder über die Mauer werfen, konnten nicht verstehen, warum an diesem Tag nicht Steine und Tomaten, sondern Blumen und Bonbons die Wurfgeschosse blieben.

Anders als ihre Gastgeber wußten Berlin-Besucher die Wandlung der Kommunarden vom Bürgerschreck zu Bürgers Belustigung zu schätzen. Nach wenigen Stunden schon waren Rollfilmautomaten geleert. Dankbarstes Motiv der Schnappschußjäger gab Fritz Teufel selber ab, der wohlgenährt und einen Latz um den Hals, auf den der CDU-Kernspruch der letzten Berliner Wahlen „Immer in Berlin“ gestickt war, höhere Töchter zum Tanze bat, während Hans Magnus Enzensberger, der ansonsten dem Kommunenleben seines jüngeren Bruders skeptisch gegenübersteht, seine tänzerische Gunst an Kommune-Elevinnen verteilte.

Berlins prominente Maler-Truppe, die Rixdorfer, nutzte das feuchtfröhliche Treiben im Auftrag des Hanser-Verlages und des RCS-Filmverleihs zu einer Werbung für Film und Buch über den sagenumwobenen Grafen Drakula. Als mittelalterliche Ungeheuer verkleidet hatten die Maler einen schwarzen Sarg mit den imaginären Opfern des gräflichen Frankenstein-Vorfahren an den Vorplatz der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche herangefahren. Die Polizei – erst beim Staatsbegräbnis für Paul Lobe mit einem unprogrammgemäßen Sarg konfrontiert – vereitelte den Versuch, das Drakula-Gehäuse ins Zentrum des Geschehens zu tragen. Sie verfrachtete den Leihsarg der Firma Bauschke in einen Mannschaftswagen, der zuvor schon andere Requisiten der Happening-Akteure, als da waren eine Ofenrohrkanone und ein drei Meter langer Tisch, an dem man zu tafeln dachte, aufgenommen hatte.

Dem festen Willen zum Feiern tat das keinen Abbruch. Er hielt sich bis in die späte Nacht hinein mit gleicher Hartnäckigkeit, mit der Berlin-Besucher in Diskussionsgruppen versuchten, den Weltstadtbewohnern Nachhilfeunterricht in Toleranz zu geben. Horst Rieck