Von Jörg Drews

Wenn man den Literaturhistorikern glauben darf, endet die Geschichte der Ballade bald nach dem Jahr 1900 mit den epigonalen Produkten von Autoren wie Börries von Münchhausen und Lulu von Strauß und Torney. Noch 1963 schrieb Walter Müller-Seidel, es sehe ganz so aus, „als habe die Ballade in Deutschland ihre Geschichte gehabt“, denn es sei „still geworden um sie“.

Das ist richtig, wenn man die Gattungsmerkmale dieses Genres an den Balladen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts abliest, eine Einstellung, die dann allerdings bei der Lyrik insgesamt zu der angesichts der Gedichte etwa von Franz Mon, Helmut Heißenbüttel oder H. Schuldt häufig zu hörenden Frage führt: Ja, ist denn das noch Lyrik?

Ja – doch sicher nicht mehr im Sinne der an der romantischen Lyrik gewonnenen Kategorien. Und so läßt sich auch bei den Balladen von Arno Holz und Frank Wedekind, Georg Heym, Klabund, Tucholsky und Bert Brecht und Grass fragen: Sind das noch Balladen? Antwort: Ja, aber sicher nicht im Sinne der Definition Wolf gang Kaysers, die sich in seinem Buch über die „Geschichte der deutschen Ballade“ findet und die sich heute fast wie ein Stück (unfreiwilliger) germanistischer Pop-Art-Prosa liest: „Balladendichtung. Ein Stück Welt öffnet sich, in dem es dröhnt von dem Hufschlag anstürmender Pferde, Rüstungen blitzen, herrische Rufe werden laut, es gibt nur Sieg oder Tod im Zusammenprall, aber über dem Sterbenden noch steht das Ziel, dem er treu blieb, und der einzelne wird zu einem aus der Schar der ewig männlichen Kämpfer.“

Kayser hat die Ballade totgesagt; allerdings hatte er schon etwas Mühe mit diesem Verdikt, denn er mußte inhaltliche und „weltanschauliche“ Kriterien benutzen (Stichwort: „art-fremd“), um etwa Wedekinds und Brechts Neuansätze abtun zu können.

Ganz so tot ist die Ballade jedoch auch im zwanzigsten Jahrhundert nicht. Es ist das Verdienst des Buches von

Karl Riha: „Moritat – Song – Bänkelsang“ Die moderne Ballade; Schriften zur Literatur, Verlag Sachse & Pohl, Göttingen; 180 S., 10,80 DM,