Die Schlagzeilen der letzten Tage klangen dramatisch: „Bomben auf Hanoi“, „Bomben nahe der chinesischen Grenze“ – aber das Stadtzentrum der nordvietnamesischen Hauptstadt wurde auch im letzten Jahr schon bombardiert. Auch früher haben sich amerikanische Piloten bis in die Nähe der chinesischen Grenze vorgewagt (es macht im Düsenzeitalter keinen großen Unterschied, ob sie sich ihr auf fünfundzwanzig oder zehn Kilometer nähern). Insofern haben die offiziellen amerikanischen Stellen recht, wenn sie energisch bestreiten, daß die verschärfte Luftoffensive einer neuen Eskalation gleichkäme.

Das monotone Warngeschrei der Washingtoner „Tauben“, das auch jetzt wieder zum Chor anschwoll, wäre eher am Platz, wenn Johnson tatsächlich eine neue Stufe der Eskalation erklommen hätte: etwa den Hafen von Haiphong verminen (also sowjetische Schiffe gefährdete) oder Truppen in Nordvietnam landen ließe (also eine chinesische Intervention heraufbeschwörte).

Aber irgendwie muß Johnson noch vor der Präsidentenwahl im übernächsten November den Krieg zu einem Ende zu bringen versuchen. Seine Generale und die „Falken“ im Kongreß sind überzeugt, mehr Härte werde zum Ziel führen. Weniger Härte empfehlen ihm dagegen die „Tauben“. Der Präsident versucht, wie eh und je, beiden Lagern gerecht zu werden.

„Johnson hat sich auf eine Gratwanderung begeben, bei der ihm zwischen Atomkrieg und Demütigung nicht viel Spielraum bleibt. Von Bombenangriff zu Bombenangriff wächst die Ungeduld seiner Verbündeten, steigert sich die Unruhe unter den Neutralen, leidet das Prestige der USA. Geht die Rechnung seiner Militärs und Wissenschaftler nicht auf, so wird der amerikanischen Außenpolitik der schmerzliche Prozeß des Umdenkens nicht erspart bleiben. Denn Bomben allein sind noch keine Politik.“

So stand es in der ZEIT, vier Wochen nach jenem fatalen Entschluß des Präsidenten im Februar 1965, Nordvietnam durch Bomben auf die Knie zu zwingen. Jene Worte sind heute noch so wahr wie damals. K.-H. J.