Frankfurt am Main

Der Hessische Rundfunk hatte sich am 18. März dieses Jahres ein problematisches Thema vorgenommen: Die menschlichen und rechtlichen Aspekte der Transsexualität. Ein prominenter Anwalt saß am Mikrophon, neben ihm Verwaltungsbeamte und eine Fürsorgerin. Vorher hatte der Sprecher darüber berichtet, daß es Hunderte von diesen Fällen gebe – und jeder Dritte von diesen seinem Leben ein Ende setze, weil er mit dem seelischen Konflikt nicht fertig würde. Der Ministerialjurist sah allerdings mehr seine Gesetzestexte als die menschliche Tragik. Der Anwalt kam jedoch zu dem Ergebnis: „Alle Gesetze und Paragraphen müssen noch nicht Recht sein!“

Dem kann man nur zustimmen, wenn man die Geschichte jenes Menschen kennt, dessen Schicksal Anlaß zu dieser Sendung geboten hatte. Sie begann für die Frankfurter Behörden damit, daß am 27. Juli 1964 beim Standesamt Frankfurt-Mitte ein Antrag auf Namensänderung einging. Der erste amtliche Akt war, ein Gutachten bei dem Arzt anzufordern, der zu dem Schluß gekommen war, daß eine Geschlechtsumwandlung unvermeidbar ist. Nachdem das Gutachten vorlag, schrieb am 23. Oktober das Standesamt an seine vorgesetzte Dienststelle, berichtete über den Fall und kam zu dem Ergebnis, daß man den Antrag nicht befürworten könne: „Der Antragsteller ist nach wie vor als Mann anzusehen, wenn er sich auch soziologisch als dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt.“

Der Magistrat schloß sich dieser Auffassung an: „Im Wege der Berichtigung kann nur etwas berichtigt werden, was von Anfang an unrichtig war.“ Vorsorglich wolle man jedoch eine richterliche Entscheidung beantragen. Jetzt kam das Frankfurter Amtsgericht zum Zuge. Es entschied am 15. November 1964: „Der Eintrag im Geburtsregister ist durch Beschreibung folgenden Randvermerkes zu berichtigen: Auf Verfügung des Amtsgerichts Frankfurt a. M. wird berichtigend vermerkt, daß das Kind weiblichen Geschlechts ist und der Vorname richtig „Ingrid“ zu lauten hat.“ Das Standesamt erhob Einspruch. Man will eine höchstrichterliche Entscheidung.

Auf der Treppenleiter zur höchstrichterlichen Entscheidung war nun das Frankfurter Landgericht an der Reihe: Es wies am 30. Dezember 1964 den Berichtigungsantrag zurück: „Die nachträgliche Änderung der äußerlich die Zugehörigkeit des – Menschen zu dem einen oder anderen Geschlecht kennzeichnenden Merkmale rechtfertigt die Berichtigung einer derartigen Eintragung nicht. Sie beruht auf einer willkürlichen Anwendung der durch die moderne medizinische Wissenschaft geschaffenen Operations- und Behandlungsmethoden, durch die lediglich der Anschein einer Geschlechtsänderung erweckt, nicht jedoch eine solche herbeigeführt werden kann.“ Medizinisch gesehen könne es empfehlenswert sein, den Antragsteller mit Rücksicht auf dessen eigene Einordnung in die weibliche Geschlechtsgruppe, und mit Rücksicht auf seine psychische Situation auch äußerlich als Frau zu werten. Das rechtfertige jedoch nicht, ihn auch als solche anzuerkennen.

Auch damit war die Behörde noch nicht zufrieden. Sie wollte es ganz genau wissen, und so wurde auch noch das Oberlandesgericht in Frankfurt als letzte Instanz bemüht. Dort bestätigten die Richter im wesentlichen die vorangegangenen Entscheidungen und verwarfen die Beschwerde. „Erst durch operativen Eingriff ist eine körperliche Mißbildung künstlich geschaffen worden.“ Ungerührt stellten die Richter fest: „Die durch die Nichtanerkennung des Antragstellers als Frau sich möglicherweise ergebenden seelischen Nöte sowie Schwierigkeiten in seinem gesellschaftlichen und beruflichen Leben können keine Berücksichtigung finden, da Billigkeitserwägungen auf diese Entscheidung ohne Einfluß sind.“

Trotz dieser harten Schläge wurde der Kampf nicht aufgegeben. Am 4. Mai 1966 ging beim Amt für Namensänderung der Stadt Frankfurt ein Antrag ein, einen geschlechtsneutralen Vornamen tragen zu dürfen. Dem wurde auch entsprochen – aber nicht anstatt des bisherigen Namens, sondern zusätzlich. Doch dieser Kompromiß wird vom Frankfurter Sozialamt, das die Verwaltungsgebühr von 200 Mark übernehmen soll, abgelehnt – mit einem neutralen Namen sei niemandem geholfen.