Von Peter Schneider

Kein Zweifel, das deutsche Wohnzimmer, für das Neckermann verantwortlich ist, ist negerfreundlich. Im Plattenschrank steht schwarze Jazzmusik, auf dem Couchtisch liegt der stern-Dokumentarbericht über die Afrikanerin, im Bücherregal steht „Schwarzer Orpheus“ oder einiges von Césaire, etwa –

Aimé Césaire: „Zurück ins Land der Geburt“, aus dem Französischen von Janheinz Jahn; Bibliothek Suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 120 S., 4,80 DM.

Im deutschen Innenleben sieht es weniger freundlich aus. Folgender Brief eines Spiegel- Lesers ist nicht repräsentativ, aber immerhin: „Ihr Personenbild über den Neger Tschombé in Heft 41 zeigt einmal so recht, wie weit unsere weiße Rasse sich unter dem aufdringlichen Gedrängsel der kalbäugigen Schwarzen schon mit ihrem Untergang und mit dem Untergang des Abendlandes abgefunden hat; denn mit diesen Urwaldwesen, die gestern noch zum Frühstück die Verwandten verspeisten, stehen wir kurz vor der Brüderschaft. Von Leuten, die in erstklassigen deutschen Hotels die fünf Gedecke der Tageskarte bestellen und nacheinander hinunterschlingen, die in ihren Hotel-Appartements die Hühner braten, die sie auf deutschen Straßen überfahren haben, und deren Begleiterinnen bei offiziellen Empfängen die Röcke bis zur Hüfte raffen, um das ungewohnte Mieder zurechtzurücken, vor solchen Leuten müssen deutsche Ehrenkompanien stramm stehen. Nun sagen Sie mal, Sie finden das wohl noch schön?“ (Fritz Arnold, Hannover, Spiegel Nr. 43/1961).

Worauf ich hinauswill: nichts würde diesen ehrlichen Briefeschreiber hindern, in ein afrikanisches Ballett zu gehen und dort ebenso ehrlich Beifall zu klatschen. Es scheint, daß der tanzende, der dichtende, der singende, der Trompete blasende Neger ein von Grund auf anderes Wesen ist als der hungernde Neger, der Neger, der nicht mehr mitmacht, der Neger, der politische Forderungen stellt, der Neger, der erklärt: „Europa hat sich an dem Gold und den Rohstoffen der Kolonialländer unmäßig bereichert: aus Lateinamerika, China und Afrika, aus all diesen Kontinenten, denen Europa heute seinen Überfluß vor die Nase setzt, werden seit Jahrhunderten Gold und Erdöl, Seide und Baumwolle, Holz und exotische Produkte nach eben diesem Europa verfrachtet... und wenn wir ein europäisches Staatsoberhaupt mit der Hand auf dem Herzen erklären hören, daß man den unglücklichen unterentwickelten Völkern zu Hilfe kommen müsse, so erzittern wir nicht vor Dankbarkeit. Ganz im Gegenteil; wir sagen uns: Das ist eine gerechte Reparation, die man uns schuldig ist“ (Frantz Fanon).

Man begreift: Es lohnt sich, zwischen dem Neger als Künstler, dem Neger als Arbeiter und als politischem Gesprächspartner zu unterscheiden. Der Profit ist ein doppelter. Der arbeitende Neger wirft besonders viel Geld ab: In Südafrika ist er zehnmal so billig wie ein weißer Arbeiter. Der künstlerische Neger wirft besonders ergreifende Kunst ab: Er leidet zehnmal mehr als der weiße Künstler.

Die Trennung zwischen dem Kunstprodukt und der Arbeitsmarktlage des Schwarzen erlaubt es dem westlichen Konsumenten, beides gleichzeitig wie ein Geschenk des Himmels zu genießen: erst die materiellen Werte, die ihm die Unterdrückung der Schwarzen verschafft, und dann die kulturellen Werte, die den Schwarzen durch eben diese Unterdrückung abgepreßt werden.