Plötzlich war es wie im surrealistischen Theater. Draußen vor der Tür, nein, im ganzen Korridor, in der Höhe, in der Tiefe, im ganzen Hause, schrillten elektrische Klingeln. Ich fuhr hoch im Bett. So erschrak ich einmal in einer Theaterloge, als mein Sesselnachbar zu schreien anfing: Hiiii... huuuuu ... Schon wollte ich ihm den Mund zuhalten, damit er die Handlung nicht störe, da merkte ich, daß sein Schrei zum Stück gehörte. Aus allen Logen und aus dem Parkett gellten Schreie. In der Mitte des Zuschauerraumes hatten zwei beherzte Kunstfreunde einen sich hysterisch wehrenden Schreier fest mit den Armen umschlungen. Das hätten sie nicht tun sollen. Denn jetzt gehörten sie selber zum Stück.

Als die Klingeln schrillten, ging in der Zelle die trübe Birne an der Decke an. Ich wollte instinktiv nach meiner Uhr greifen – keine da. Und ich hätte doch gern gewußt, wie spät oder wie früh es war. In dieser Unwissenheit erhob ich mich, wusch mich mit Rasierseife, schabte meine Wangen, so gut es ging, betrachtete die unberührten Lebensmittel auf dem Tisch und merkte, daß ich zugleich mit meiner Ehre auch jeglichen Appetit verloren hatte,

Inzwischen konnte man einigen kurzen, aber kernigen Befehlen aus dem Korridor entnehmen, daß wir die Decken zusammenzulegen, „Kante über Kante“, die Sachen ordentlich zu packen und uns bereitzuhalten hätten. Ich tat dies, faßte neugierig die Heizung an, die ebenfalls gut geschlafen hatte, und trat, als der Schlüssel klirrte, unter das Fenster. Doch wurde von diesem Akt des Spezial-Gehorsams keinerlei Notiz genommen.

„Raustreten!“

Was nun folgte, war ein surrealistisches Ballett, zu dem die bekannte Melodie der Wolgaschiffer gut gepaßt hätte: im Pianissimo beginnend ein stetiges Crescendo. Welche verschiedenen Assoziationen dieses Ballett auch hervorrufen mochte: mir schien es den Hergang zu symbolisieren, wie aus stillem Gletscher kleine Rinnsale hervortreten. Denn kaum, daß tropfenweise die einzelnen Gefangenen aus der Türe getreten waren, formierten sie sich zu kleinen Bächen. Je mehr es nun zu Tale ging, flossen von Flur zu Flur neue Rinnsale hinzu. Im Erdgeschoß und schließlich im Keller angekommen, waren wir schon ein stattlicher Fluß, der langsam dahinströmte und sich zuletzt vor einem Wehr staute. Hier fand eine kurze Verwandlungsszene statt. Denn das Wehr hielt den kunstvollen Aufbau der Decken, Blechnäpfe, Geschirre, Bestecke und Schlaflektüren zurück, wobei mir um ein Haar auch die lateinische Weisheit abhanden gekommen wäre, doch konnte ich sie noch rasch aus dem Blechnapf fischen.

Nun war die Sicht wieder offen. Von all den Sachen befreit, die wir auf dem Unterarm und vor der Brust bis zum Halse hinauf getragen hatten, erkannten wir, daß dieses Wehr nichts anderes war als der vom Vortage schon bekannte Schalter, hinter dem einige Männer hantierten, die zum Hause gehörten und vermutlich den Titel „Kalfaktor“ trugen. Wir anderen aber – Gefangene wie sie, nur noch nicht so routiniert – konnten uns wieder zur Kenntnis nehmen, nun, wo wir unserer Wolle, unseres Blechs und Steinguts entledigt waren.

Doch schon waren uniformierte Schleusenwärter zur Stelle, die den gestauten Flußlauf wieder in Bewegung brachten, ihn teilten und in verschiedene Teiche leiteten: die Wartezellen. Hier bildeten sich noch einige Strudel. Dann setzte sich die Brühe, beziehungsweise: wir uns. Niemand sprach ein Wort. Mag sein, daß einige kein Auge zugetan hatten, daß andere aber, wie ich, noch völlig verschlafen waren – auf jeden Fall waren wir so morgenmürrisch, daß von „Maulfaulheit“ zu reden stark übertrieben gewesen wäre. Ich suchte nach dem alten Herrn mit dem ihm eigenen Körpergeruch und dem Spazierstock. Er saß nachdenklich auf einer Matratze. Er lächelte heute nicht, sondern gähnte wie ein übersättigter Löwe, nur nicht so martialisch, weil er keine Zähne mehr zeigen konnte.