N. W., London, im August

Jeden Dienstag treffen sich in einem Hotel in Aberfan achtzig Mütter, um sich ihr Leid zu klagen. Gegenseitiger Trost und Zuspruch erleichtern es ihnen, ein Unglück zu tragen, das sie nie vergessen und verwinden werden. Die meisten von ihnen haben ein Kind, viele aber auch zwei und drei Kinder verloren, als am Morgen des 21. Oktober vergangenen Jahres, einem nebligen Herbstmorgen, die drohend über dem walisischen Bergarbeiterdorf Aberfan aufgetürmte Abraumhalde herabstürzte und die Plantglas Junior School und 16 Häuser unter sich begrub.

Die Schutt- und Schlammlawine war mit der Gewalt und dem Pfeifen eines Düsenflugzeugs über die geduckten regen- und rauchgeschwärzten walisischen Häuser hinweggefegt. Als sie ihr Vernichtungswerk beendet hatte, war es plötzlich für einige Sekunden still gewesen. Der Unheimlichkeit dieses tödlichen Schweigens verlieh später der Friseur George Williams, der dem Unglück um Haaresbreite entkommen war, Ausdruck mit Worten von poetischer Kraft. „In dieser Stille konnte man keinen Vogel und kein Kind hören“, sagte er. 116 Kinder und 28 Erwachsene waren tot.

Der Tod ist kein Fremder in den Bergarbeitersiedlungen von Wales. Er hat auch schon reichere Ernte gehalten. Am 23. September 1934 holte er bei einem schlagenden Wetter in der Grube von Gresford in der walisischen Grafschaft Denbighshire 260 Bergleute. Obwohl sich später herausstellte, daß die Entlüftungsanlagen der Grube mangelhaft waren, betrachteten die gottergebenen Waliser den Tod der 260 als Berufsrisiko und als Preis der Kohle, die nur unter Opfern dem Schoß der Erde entrissen werden kann. Vor dem Tod der 116 Kinder versagt jedoch die Mythengläubigkeit. Sie waren unschuldig, und der Berg, der sie begrub, war Menschenwerk. Leichtfertiger als bei der Naturkatastrophe eines schlagenden Wetters waren die überirdischen Gewalten herausgefordert worden.

Das Vergessen fällt den Einwohnern von Aberfan deshalb schwer, und diesmal können auch ihre Landsleute das Furchtbare nicht so schnell aus ihrer Erinnerung tilgen. Auch der kürzlich veröffentlichte Bericht des Tribunals, das die Ursachen des Unglücks untersuchte, hat nicht dazu beigetragen, die Wunden zu schließen. Obwohl er neun Schuldige beim Namen nennt, hat er die Diskussion um die Verantwortung für das Unglück eher entfacht als beendet. So einfach läßt sich diesmal das Gewissen einer Nation nicht beruhigen, die ahnt, daß eine allgemeinere Schuld vorliegt, daß die Toten von Aberfan die Opfer einer Industrialisierung geworden sind, die den Menschen nur allzuoft vergessen hat.

Aberfan ist zum Mahnmal geworden: für die Gefahren der Industrialisierung und der durch sie ausgelösten Selbstentfremdung und Selbstverstümmelung des Menschen und seiner Umgebung. Die Phantasievolleren sehen die Warnzeichen in jeder Halde, jedem Gaswerk, jedem Schienenstrang, ja in jedem Parkplatz. Die weniger Empfindlichen hingegen, die den Nervenkitzel brauchen, damit ihnen etwas unter die Haut geht, werden von einem dunklen Trieb an die Unglücksstätte geleitet. Neun Monate nach dem Unglück ergießt sich noch immer an jedem Wochenende ein Strom von Autos mit Schaulustigen in das unglückselige Dorf. Ein geschäftstüchtiger Busunternehmer in Dorset hat zu Beginn der Ferienzeit sogar Gesellschaftsreisen nach Aberfan organisiert.

Die Fremden, die ungebeten an ihrem Unglück teilnehmen, lassen die Einwohner von Aberfan nicht zur Ruhe kommen. Jeder Tourist, der die 60 beschädigten und noch immer nicht abgerissenen Häuser in der Moy Road anstarrt oder den Baggern beim Abtragen des Schutts zuschaut, erinnert die Leute von Aberfan an das Außergewöhnliche ihrer Situation. Auch die spontane Hilfsbereitschaft einer bewußt oder unbewußt von Schuldgefühlen geplagten Nation erschwert Aberfan die Rückkehr zum normalen Leben. Bis vor kurzem sind noch täglich Geldspenden in Aberfan eingegangen. 20 Millionen Mark haben sich inzwischen auf dem Hilfskonto angesammelt. Sie tragen monatlich fast 150 000 Mark Zinsen und haben das einstige Aschenputtel-Dorf Aberfan in eine der reichsten Gemeinden der Welt verwandelt.