Paris, im August

Die Enttäuschung, die Frankreich über die letzte Ansprache seines Staatspräsidenten empfand, ist vielleicht weniger groß als sie von „den Zeitungen, die der Schule des nationalen Verzichts angehören“ – das heißt von fast allen – zur Schau getragen wird. Aber sie ist vorhanden. Es ist dem General nicht gelungen, dem Wind der Skepsis, des Unwillens, der Kritik, der ihm seit einiger Zeit ins Gesicht bläst, eine andere Richtung zu geben. Dieses Phänomen verdient Beachtung. Es könnte ein neues Zeichen für den unaufhaltbaren Verfall seiner Macht sein.

Charles de Gaulle hat schon Reden gehalten, mit denen er sich weniger Mühe gab und die man ihm dennoch weniger ankreidete. Diese war zumindest in ihrer Form eine beachtliche Leistung: In freier Rede und in einer selbst bei ihm seltenen Verdichtung der Sprache hielt er zwanzig Minuten lang Kolleg über seine Politik, ihre geistigen Grundlagen, ihre Schlüsselworte, ihre Dimensionen. Er ordnete alle Ereignisse und Entscheidungen von Bedeutung darin ein – und zwar mit dem Bemühen, abgerundete Positionen aufzuzeigen und schroffe Stellungnahmen zu vermeiden. Unversöhnlich und zornig ging er nur mit seinen Widersachern ins Gericht: den „Aposteln des Niedergangs“, den „Adepten der Verleumdung“, die von der „seltsamen Leidenschaft der Erniedrigung“ getrieben werden.

Mit einer solchen Häufung von Verbalinjurien und so frontal hat der General seine politischen Gegner, die er im Grunde doch verachtet, bisher nicht angegriffen. Dieser Ton zeigte, daß auch er erkannt hat, was einer seiner eifrigsten Anhänger so formulierte: „Es geht nicht mehr um diese oder jene Einzelheit seiner Politik. Es geht um den Mann – um ihn selbst.“

Man erinnert sich des stolzen Wortes, das er während des Krieges einem Anhänger sagte, der aus dem besetzten Frankreich nach London gekommen war und nun glaubte, ihm über die Stimmung der Nation berichten zu können. „Wenn ich wissen will, was Frankreich denkt, horche ich in mich hinein ...“ Dies war seine Legitimation bevor er formell legitimiert war, im Namen Frankreichs zu sprechen. Heute müßten seine Höflinge ihm raten, einmal herumzuhören. Es scheint, daß die Franzosen, die durchaus keine Abstinenz in nationaler Begeisterung üben, in ihrer großen Mehrheit finden, de Gaulle habe sich in Quebec und Montreal im Ton vergriffen. Es sieht ganz so aus, als hätte ihnen das große wirtschaftliche Abenteuer des gemeinsamen europäischen Markts ein anderes Gefühl für nationale Forderungen und nationale Schlagworte gegeben. „Selbst die, die die Realitäten von Quebec nicht verkennen wollen“ – so schrieb Jacques Fauvet in „Le Monde“ „haben noch nicht begriffen, wie er eine Triumphfahrt in einen diplomatischen Faux-pas verwandeln konnte.“

Wenn die Franzosen wirklich das Gefühl haben sollten, ihr Staatspräsident spreche nicht mehr ihre Sprache, dann wird es ihm wenig nützen, daß er sich auf den Olymp zurückzieht und Blitze gegen seine Widersacher schleudert. Nach dieser Rede hat ein Mann, den die Franzosen kaum wieder zurückrufen werden, in dem sie zuviel von der verachteten IV. Republik verkörpert sehen, nämlich Guy Mollet. der sozialistische Generalsekretär, die Lacher auf seiner Seite gehabt. Er griff de Gaulles gewagte Beschwörung von Goethes Mephisto („Ich bin der Geist, der stets verneint“) auf. und meinte: „Natürlich, für Gottvater gibt es keinen anderen Partner als Mephisto.“ Er traf damit den Punkt, an dem die Franzosen ihrem General die Gefolgschaft aufkündigen werden. Sie ertragen es nicht mehr, daß ein Mann, der erst im zweiten Wahlgang gewählt wurde und der über eine ganz schwache Parlamentsmehrheit verfügt, sich so gebärdet, als finde er immer unfehlbar das Glück seiner Untertanen und brauche niemandes Rat und Meinung.

Es ist also durchaus möglich, daß diese Ansprache und das Echo das sie fand, eine neue Etappe des Abschieds der Franzosen von de Gaulle kennzeichnet. Stürmisch aber wird dieser Prozeß gewiß nicht verlaufen. So wenig wie bei den letzten Wahlen, zeichnet sich heute eine überzeugende Nachfolge ab. Außerdem ist für die Franzosen dieser Abschied eines bestimmt: schmerzhaft. Ernst Weisenfeld