FÜR Zeitgenossen, denen daran liegt, sich über die Beziehungen zwischen Deutschland und seinem nächsten östlichen Nachbarn zu unterrichten –

Tadeusz Nowakowski: „Die Radziwills“ – Die Geschichte einer großen europäischen Familie, aus dem Polnischen von Janusz v. Pilecki und Josef Hahn; R. Piper & Co. Verlag, München; 432 S., 26,– DM.

ES ENTHÄLT die Familiengeschichte des berühmten polnischen Adelsgeschlechts von den sagenumwobenen Ursprüngen bis in unsere unmittelbare Gegenwart. Und diese Chronik entrollt vor dem geistigen Auge des Lesers, indem sie an ihm eine „buntscheckige Parade“ von „Staatsmännern und Kämpen, aufgeklärten Köpfen und Finsterlingen, Jesuiten, Ketzern, Mystikern und Zweiflern, pantagruelischen Schlemmern und Trinkkumpanen, hageren Asketen, Eulenspiegeln und Münchhausen, herrischen und herrlichen Potentaten, Originalen, Wirrköpfen, verliebten Schwärmern, Patrioten und Verrätern, edlen Frauen und bösen Weibern vorüberziehen läßt, zugleich ein Jahrhunderte umgreifendes weltgeschichtliches Panorama. Die überreich behängte Ahnengalerie flankiert die effektvoll entworfenen Porträts mit zwei Reportagen über den „vorläufig letzten Sproß“ der Radziwills, Anusja, das Patenkind des ermordeten amerikanischen Präsidenten Kennedy – um zu zeigen, wie eng noch heute Träger des Namens Radziwill mit dem aktuellen Weltgeschehen in Tuchfühlung stehen. Für ein besseres Geschichtsverständnis und eine leichtere Verständigung zwischen Deutschen und Polen heute dürfte der Einblick in die vielfältigen Beziehungen von Bedeutung sein, die zwischen dem weitverzweigten Hause Radziwill und der preußischen Krone bestanden, seitdem Janusz Radziwill eine erste Verbindung hergestellt hatte und sein Sohn Boguslav Generalgouverneur von Preußen geworden war. Beziehungen, die im neunzehnten Jahrhundert ihre Fortsetzung fanden, als Heinrich Radziwill die einzige Tochter des Prinzen Louis Ferdinand heiratete und beider Tochter Elise in einen Liebesroman mit dem späteren Kaiser Wilhelm I. verwickelt wurde, welcher wiederum nachmals einen Radziwill zum Generaladjutanten hatte. Ausführliche Stammtafeln und eine Geschichtstabelle geben dem Leser dazu wirksame Orientierungshilfen.

ES GEFÄLLT durch die spielerisch-elegante Darstellungsweise, dank deren der Historie ihr Schwergewicht genommen ist und ihr Inhalt in eine Folge genrehafter, anekdotischer und kritisch gewürzter, oft freilich auch allzu selbstgefällig geistreichender Schildereien aufgelöst erscheint. Wer den traditionellen sachlichen Stil wissenschaftlicher Geschichtsschreibung für unabdingbar hält, wird daran Anstoß nehmen. Walter Abendroth