Donnerstag, 10. August, 20.15 Uhr, 1. Programm: „Stella“, Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe

Goethes „Stella“, eine im Moritat-Stil durchgeführte Meditation über das Thema der Ehe zu dritt, wurde von Helmut Käutner adäquat inszeniert. Kintopp und Klassizität, das Melodramatische und das Sentenziöse sahen sich in schöner Weise vereint. Man spielte Goethe und man spielte Vulpius, Frau Matz gab der Baronesse mit dem Sinn für die Leidenschaft und dem Sinn für das Karitative, der Titelheldin also, Kontur. Sie war die rechte Besetzung; die Kamera huschte von Mütterchens Kopf auf des schnippischen Töchterleins Busen; in der Ferne leuchteten Schloß, Altane und Park als freundliche Operetten-Kulisse, und auch das schien dem Stück, in dem das Wörtchen just den Protagonisten-Part spielt, in jeder Weise gemäß.

Auf der anderen Seite aber war Helmut Käutner bedacht, die Kitsch-Elemente nicht gar zu naturalistisch wiederzugeben: Herrlich sprach man die Goetheschen Sätze, orakelte zärtlich über die glücklichen Tage der rosenfarbenen Zerstreuung, die stürmische Leidenschaft, die sich den Nerven mitteilt, und die lange wunderbare Verwirrung, an deren Inszenierung sich das Dreigespann Cäcilie, Fernando und Stella mit so viel Charme und Güte beteiligt. Kurzum, es kamen alle auf ihre Kosten: Die Freunde des Heiderösleins und jene Goethe-Verehrer, die ein Werk angemessen interpretiert sahen, das wie kein anderes dem Zeitgeschmack frönt.

Käutner ließ ausspielen, wo es ums Atmosphärische ging, und er hielt bedachtsam zurück, wenn Gesten mehr als angedeutet und Sätze eher realistisch ausgesprochen denn markiert werden wollten. So ergab sich ein Spiel der Balance, eine dialektische Ergänzung von Malerei und zartester Zeichnung, die nur an einem einzigen Punkt, dort nämlich bedroht wurde, wo Käutner seinem Prinzip untreu wurde und die Monologe – statt sie konsequent-antinaturalistisch zitieren zu lassen – den geschlossenen Mündern der Darstellenden unterlegte: Verwegen gestikulierend hatten die Armen den Gedankentext glaubhaft zu machen.

Um so vortrefflicher demgegenüber die Auffassung der Postmeisterin: Wo hart gearbeitet wird, hat der Mensch keine Zeit, sich dem schönen Gefühl hinzugeben. Ein Anflug von Sozialkritik: Geld und gesellschaftlicher Rang bestimmen die Intensität der Trauergefühle. Sein formt das Bewußtsein, die reiche Baronesse kultiviert ihre Liebe zum treulosen Mann, die verarmte Cäcilie ideologisiert den Flüchtling Fernando, die Postmeisters-Witwe vergißt beim Gläserspülen den Schmerz.

Der Zuschauer hatte Gelegenheit, Fassung 1 und Fassung 2, die freundliche Graf-von-Gleichen-Lösung und das Schauer-Finale mit Gift und Pistol in kritischem Vergleich zu analysieren ... wenn er abstellte und auf den Filmbericht über die Studentenrevolte an der Berliner Freien Universität verzichtete: Nur wenige Sekunden nach dem großen Weh und Ach auf der Goetheschen Bühne fuhr eine Hochbahn zum Schlesischen Tor, gaben Neuköllner Arbeiter ihre Ansichten preis, gingen Studenten auf Aktionsgemeinschaften aus. Das ist unmöglich, das ist Barbarei. Man kann nicht zwei Dramen-Schlüsse anbieten, ohne dem Betrachter Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben, zum Abwägen, zur Kritik und Entscheidung.

Zu dieser Inszenierung gehörte die Pause. Der Plan, beide Schluß Versionen der „Stella“ zu zeigen, ein richtiger Plan, wurde durch die mangelnde Zäsur zur nächsten Sendung ad absurdum geführt. Daß keine Pause eintrat hieß: Betrachter sind Konsumenten, sind Objekte, sind dumm. Man darf ihnen gegenüber inhuman sein. Momos