Von Joachim W. Hartnack

Im zweiundzwanzigsten Heft des Jahrganges 1964 bezeichnete das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den am 31. Dezember 1904 in Odessa geborenen Nathan Milstein als „Bravourstück-Virtuosen“, in der einundvierzigsten Ausgabe des Jahres 1965 rühmte es unter anderem seine Bach- und Sarasate-Kunststücke und vermerkte nicht nur, daß er der bestbezahlte Violinist der Welt sei, sondern auch Heifetz übertrumpft habe – im Ping-Pong.

Ob Milstein wirklich der bestbezahlte Geiger der Welt ist, läßt sich nicht nachprüfen. Daß er aber Heifetz im Ping-Pong überrundet hat, ist weniger bedeutsam als die Tatsache, daß er ihm auch künstlerisch über den Kopf gewachsen ist.

Sicherlich beherrscht Milstein das Repertoire der virtuosen Bravourstücke mit meisterhafter Vollendung, aber das ist nur ein Teilstück seines künstlerischen Spektrums – und bei weitem das kleinste. Milstein ist in erster Linie ein Musiker, der die perfekte Beherrschung der virtuosen Mittel nicht um ihrer selbst willen einsetzt, sondern der auch dann, wenn er Sarasate oder Paganini spielt, musikalisch etwas gestaltet, während die weniger tiefgängigen „Bravourstück-Virtuosen“ sich nur mit der Vordergründigkeit der glitzernden Oberfläche begnügen.

Seine violinistische Grundausbildung erhielt Milstein bei Peter Stoljarski, sein wichtigster Lehrer wurde dann Leopold Auer – obwohl von dessen Schulung heute ebenso wenig zu merken ist wie von dem Einfluß, den Milsteins letzter Lehrer auf ihn gewonnen hat: Eugene Ysaye. Denn Nathan Milstein ist sowohl in technischer Hinsicht als auch in der künstlerischen Konzeption schon früh eigene Wege gegangen. Die Lehrer mögen respektable Anreger für ihn gewesen sein, aber geformt hat er sich selbst.

Das zeigt sich bereits in einer unübersehbaren Abweichung von Auers Bogentechnik: Milstein hält den Bogen weitaus legerer und bezieht die Bogenkraft nicht daraus, daß er den Druck vom Ansatz des Handwurzelgliedes des Zeigefingers, sondern aus dem Zusammenspiel dieses und des nächsten Fingergliedes gewinnt. Da er außerdem den kleinen Finger niemals von der Bogenstange nimmt, kann er ihn jederzeit als Gewichtskorrektor verwenden.

Wahrscheinlich erklären sich damit wenigstens zum Teil zwei klangliche Eigenheiten Milsteins: sein wahrnehmbar geringerer Tonumfang und die besondere Geschmeidigkeit seines Bogenwechsels. Ich habe noch nie einen Geiger gehört, dessen Bogenwechsel sich in einer derartigen Nahtlosigkeit vollzieht, wie bei Milstein. Auf- und Abstrich verschmelzen bei ihm in einer Weise, als erklänge dabei ein einziger langangehaltener Ton.