Von Josef Müller-Marein

Ein Beispiel hatte mein Freund sich ausgedacht: Die "Esso" erfährt, daß in der Eifel ein neues Straßennetz gebaut wird. Sie möchte ihre Tankstellen dort einrichten und obendrein die "Shell" aus den Eifeldörfern vertreiben. Nun schickt die "Esso" Spitzel aus, die bei der "Shell" Mißstände entdecken, wenn solche vorhanden, und das "Vor"- oder "Privatleben" der leitenden Angestellten untersuchen sollen, falls es da hapert. Das alles zu dem Zweck, die andere Firma herabzusetzen und das Geschäft selber zu machen.

"Käme es heraus", sagte mein Freund, "so würde jedermann mit Fingern auf diese ‚Kaufleute‘ zeigen. Und die Industrie- und Handelskammer würde nicht zögern, die Machenschaften zu verurteilen."

Der Verleger Axel Springer mag sich durch dieses auf ihn gemünzte Beispiel nicht getroffen fühlen. Zwar erwiderte er auf gewisse Fragen der ZEIT, indem er uns für die vorige Ausgabe einen Aufsatz zur Verfügung stellte, den er auch gleich in der "Welt" drucken ließ. Aber nachdem er mehr als hundertfünfzig Zeilen gebraucht hatte, ehe er zum eigentlichen Thema kam, lauteten seine Kernsätze so: "Zwei Journalisten und Mitglieder meiner Redaktion waren in den Besitz von Informationen gekommen, denen nachzugehen journalistische Pflicht war. Ich brauche hier den Herren Augstein und Müller-Marein nicht die Banalität zu verkaufen, daß die Recherche ein legitimes Mittel des Journalismus ist."

Mit anderen Worten: Was allgemein in der Wirtschaft nicht geduldet würde, ist im Unternehmen Springer erlaubt. Was dort "unsaubere Machenschaften" hieße, heißt hier "Journalismus". Eben dies kann Springer weder Rudolf Augstein noch mir "verkaufen". Er sollte es aber auch keinem Mitglied seiner Redaktionen und erst recht keinem Zeitungsleser "verkaufen" dürfen.

Augstein, dessen "Spiegel" die moralisch ganz unmögliche Aktion des Springerschen Verlagshauses publik gemacht hatte, schreibt in der neuen Ausgabe seines Nachrichten-Magazins, die ZEIT habe sich über diese Fernsehermittlungen "verwundert und ein ganz klein wenig empört". In der Tat: Meine Verwunderung war größer als meine Empörung. Und dies aus einem einfachen Grunde: Ich hatte die Geschichte, wie sie dem "Spiegel" von jenen beiden "V-Männern", die Axel Springer noch heute "Journalisten" nennt, erzählt worden war, für wenig glaubhaft gehalten. Doch heute muß ich zugeben, daß ich einfältig war. Ich schrieb: "Wenn ich etwas aus ganzem Herzen wünsche, so dies: daß Axel Springer dementiert." Wie kitschig. Geradezu Springer-Deutsch. Aber ich hatte es wirklich so gemeint.

Heute geht meine Hoffnung dahin, daß der Deutsche Presserat, der sich auf Antrag des Journalisten und Bundestagsabgeordneten Fritz Sänger mit dem Fall Springer beschäftigen wird, die übrige Presse von dem Verdacht reinigt, in ihr seien allgemein unsaubere Methoden gang und gäbe.