Der verschärfte Luftkrieg gegen Nordvietnam hat zu einem ersten Zwischenfall an der chinesischen Grenze geführt: Zwei amerikanische Düsenjagdbomber gerieten in den chinesischen Luftraum und wurden dort abgeschossen. Angeblich waren sie von der nordvietnamesischen Luftabwehr und durch Gewitterstürme abgedrängt worden. US-Senator Fulbright, der wegen der Möglichkeit solcher Pannen vor einer Ausweitung des Bombenkrieges gewarnt hatte, sprach von einem „höchst unglücklichen und sehr ominösen“ Zwischenfall.

„Ich weiß nicht, wieso die Regierung so sicher sein kann, daß Rotchina nicht in die Kämpfe eingreifen wird“, sagte der Vorsitzende des Außenpolitischen Senatsausschusses. „Die Chinesen sind schon beinahe im Krieg, wenn sie unsere Flugzeuge über ihrem Gebiet abschießen.“

Seit über einer Woche hatten die Amerikaner ihre Luftangriffe bis auf eine Flugminute an die chinesische Grenze herangetragen und wichtige Brücken, Straßen und Bahnlinien angegriffen. Präsident Johnson versicherte, diese Luftangriffe bedeuteten keinerlei Bedrohung für China. „Peking weiß, so glauben wir, daß die Vereinigten Staaten den Krieg in Vietnam nicht auszuweiten suchen.“ Dessenungeachtet erklärte Peking, der Zwischenfall am Montag sei eine offenkundige Kriegsprovokation gegen das chinesische Volk gewesen.

Da jedoch eine unmittelbare chinesische Intervention in Nordvietnam ausgeblieben ist, hat die Partei der „Falken“ in Washington mächtigen Auftrieb erhalten. Ein hohes Mitglied der Regierung kennzeichnete die Stimmung mit den Worten: „Man stelle sich vor, jemand hätte vor zwei Jahren vorausgesagt, daß wir eine halbe Million Soldaten in Vietnam stehen haben und in diesem Ausmaß bombardieren könnten, ohne daß die Chinesen eingreifen. Würde irgend jemand das geglaubt haben?“

Senator Fulbright nahm die jüngste Entwicklung in Vietnam zum Anlaß, wieder einmal vor dem Senat die Hintergründe des amerikanischen Engagements in Vietnam zu untersuchen. In einem Hearing verteidigte Justizminister Katzenbach die Handlungsweise Präsident Johnsons, der sich bei seiner Kriegführung in Nord- und Südvietnam auf einen Kongreßbeschluß vom 7. August 1964 stützt. Damals hatten, angeblich nordvietnamesische Vorpostenboote zwei US-Zerstörer angegriffen, und Johnson hatte daraufhin einige Häfen bombardieren lassen. Anschließend ließ er sich vom Kongreß zu allen nötigen Schritten ermächtigen, „um irgendeinen bewaffneten Angriff gegen die US-Streitkräfte zu erwidern und eine weitere Aggression zu verhindern“.

Senator Fulbright, der diese Resolution unterstützt hatte, erklärte später, er würde dagegen gestimmt haben, hätte er geahnt, daß sie als Handhabe für die Entsendung von US-Truppen nach Südvietnam dienen könne.

Nach Ansicht Katzenbachs hat der Kongreß dem Präsidenten jedoch seinerzeit sogar die Freiheit zugestanden, Nordvietnam bis hinauf zur chinesischen Grenze zu bombardieren. Katzenbach meinte, obwohl die USA nach allgemeiner Terminologie in Vietnam im Kriege stehen, seien sie noch weit entfernt von einem formell erklärten Krieg, da die Ziele in Vietnam streng begrenzt sind.

Private Fühler in Hanoi haben Washington überzeugt, daß gegenwärtig weniger Aussichten auf Friedensverhandlungen mit, Nordvietnam bestehen denn je. Demgegenüber bestätigten Vertreter Nordvietnams in diesem Sommer bei Besuchen in verschiedenen westeuropäischen Hauptstädten abermals, daß nach einer bedingungslosen Einstellung des Luftkrieges innerhalb weniger Wochen Gespräche beginnen könnten.