Von Peter Wapnewski

Die Berliner Studentenrevolte geht weiter und wird noch mehr auch auf andere deutsche Universitäten übergreifen. Sie wird sich von den Zufälligkeiten eines Schah-Besuches lösen und sich mehr auf das Grundsätzliche einer Universitäts-Struktur konzentrieren, die seit dem 19. Jahrhundert alle Reformen versäumt hat. Was dies für ein Fach bedeutet, das seit langem schon im Kreuzfeuer steht, erläutert mit dankenswerter Offenheit Professor Dr. Peter Wapnewski, Ordinarius für Ältere Germanistik an der Freien Universität Berlin.

Es ist unruhig geworden an den Universitäten Westdeutschlands. Unruhig besonders an der Freien Universität zu Berlin. Doch haben die von hier ausgehenden Wellenringe der Erregung längst andere Orte erreicht, gelegentlich sichtbar an der Oberfläche, häufiger noch von deren glattem Spiegel vorerst verborgen.

Diese Unruhe ist Ausdruck eines dynamischen Ungenügens, eines aggressiven Mißvergnügens am Gegebenen und Überkommenen, an der Last der statischen Jahre. Sie artikuliert sich in einer ihr gehörigen Sprache, einem progressiven Jargon der Eigentlichkeit, der sich wesentlich der Soziologie und ihren Trabantenfächern verdankt; und mit Hilfe dieser Terminologie werden verkrustete Denkkategorien angegriffen, verfilzte Herrschaftsformen und demokratisch getarnte Steuerungsmechanismen aufgedeckt, eingefrorene Hierarchien aufgetaut – kurzum: Oligarchien der Macht und der Mächtigen in den Realitäten des ideologischen wie des gesellschaftlichen Raumes.

Diese Haltung steht unseren Studenten wohl an. Es mag sich zwar die Frage stellen, ob nicht ein solches sich als Notwehraktion der Minderheit begreifendes System seinerseits heranwächst zu Machtanspruch und Machtausübung und mithin zum Produkt (und also Objekt) seiner eigenen Ideologie wird, die Herrschaft der Oligarchien umwandelnd in die der Minderheiten und ein Zeitalter der Majorisierung durch Minoritäten begründend – doch geht es vorerst um die Notwendigkeit, eine solche Haltung zu verstehen als Antwort auf die bestehenden Verhältnisse in der Bundesrepublik.

Repräsentant von Opas Staat

Es ist nicht einfach, in einem Staatswesen zu leben, das mit Hilfe von Rechtsmitteln einen Menschen inhaftiert, der vielleicht einen Stein gegen andere geworfen hat – während ein anderer, der bei gleicher Gelegenheit einen unbewehrten Menschen erschossen hat, gleichfalls kraft Anwendung von Rechtsmitteln weiterhin sich der Freiheit erfreut. Unter dem Blickpunkt dieses aktuellen Beispiels wird verständlich, warum manchem der Begriff unserer demokratischen Freiheit unverständlich wird. Und es ist weiterhin verständlich, wenn sich dieses tätige Unbehagen an dem administrativ verfilzten Immobilismus der bestehenden Gesellschaftsordnung und ihrer Politik an den Universitäten konzentriert und sich in studentischen Aktionen ausdrückt. Aktionen, deren Schwungkraft sie, wer weiß, über ihre eigenen Zielpunkte hinausreißen mag, so daß die akademischen Götter und Halbgötter dieser Bewegung von ihr unversehens und sehr plötzlich in den Schlund der Verachtung und Verdammung geschleudert werden können: Wer, durchschnittlich ausgestatteter Bildungsbürger, bisher vermuten durfte, daß etwa Adorno als Sprache und Denkform diesen neuen Formationen viel bedeuten möchte, konnte sich jüngst in Berlin davon überzeugen, daß auch er, wunderlich genug, längst Repräsentant von Opas Staat und Papas Universität geworden zu sein scheint. (Er nahm sich die Freiheit, ein Gutachten zu verweigern – diese Freiheit aber mochten ihm jene nicht einräumen, die sich so begründet für die Freiheit ihres inhaftierten Kommilitonen einsetzten.)