Luciano Berio: „Circles“, „Sequenza I, III und V“; Cathy Berberian (Stimme), Aurèle Nicolet (Flöte), Vinko Globokar (Posaune), Francis Pierre (Harfe), Jean-Pierre Drouet, Jean-Claude Casadesus (Schlagzeug); Wergo 60 021, 29,– DM

Zwei Ziele verfolgt der zweiundvierzigjährige Luciano Berio, früher Schüler von Dallapiccola und Ghedini, heute Lehrer an der Juilliard School of Music in New York, seit mehr als zehn Jahren in seinen Werken und Experimenten. Einmal sucht er Sprache und Musik auf noch engere Weise als bisher möglich miteinander zu verbinden, zum anderen möchte er der menschlichen Stimme und den Instrumenten neue Ausdrucksmöglichkeiten erschließen.

Was Berio dabei den Musikern abverlangt, steht kaum mehr in deren Lehrbuch und mutet auf das erste Hören eher wie eine mehr oder weniger amüsante technische Spielerei an: abenteuerlich abrupte Wechsel in der Dynamik, Klopfen auf die Klappen der nicht geblasenen Flöte, Atemholen in und über der Posaune, gleichzeitiges Singen und Spielen, so daß eine Zweistimmigkeit auf der Posaune zu hören ist, ständige Veränderung der Vibrato-Geschwindigkeit oder der Klangfarbe, des Tonansatzes, der Artikulation. Berio läßt eine „Stimme“ Silben mit vielen Verschlußlauten in höchster Geschwindigkeit dahersagen – die Vortragsvorschriften wechseln blitzartig von „leidenschaftslos“ über „wimmernd“ zu „witzig“ oder „ekstatisch“ – oder fügt zu den an sich schon nur noch aus Phonem bestehenden Zeilen dreier Gedichte von E. E. Cummings aphoristische Ton- und Geräuschkomplexe, die den Lauten des Textes nahekommen.

Erst nach vielen Wiederholungen wird man gewahr, was in diesen ständigen Modulationen passiert, wie eine Stimme sozusagen aus sich herauswächst, wie eine einzelne Linie mehrdimensional wird; man muß erst lernen, die „Bewegungen“ zu begreifen, die Muster zu behalten, die Sprünge von einem Gefühlszustand in einen anderen zu erkennen.

Daß man vor dem Tun der Solisten eine Mordsachtung empfindet, liegt mit daran, daß man einen Teil der Darbietungen auf den abgedruckten fünfzehn Notenzeilen zu verfolgen sucht. Den bis jetzt aus rechtlichen Gründen kaum möglichen Abdruck kompletter Partituren wird Wergo vermutlich sich erst leisten können, wenn die kürzlich begonnene Zusammenarbeit mit den Avantgarde-Notenverlagen erste Ergebnisse bringt. Für das Hören neuer und neuester Musik könnte ein solcher kompletter Abdruck nur Vorteile bringen. Heinz Josef Herbort