Von Hans-Albert Walter

Autobiographien sind nicht selten das genaue Gegenteil dessen, was sie zu sein vorgeben: Der Leser erfährt nicht, was wirklich war, er findet vielmehr eine Rückprojektion von Ausflüchten und Wunschvorstellungen vor, eine Vergoldung des Gewesenen. Die Korrektur solcher Retuschen gibt im Einzelfall oft mehr Aufschluß über den Autor als das, was er mitzuteilen bereit ist. Offenheit beim Eingeständnis von Irrtümern und Fehlern, nüchterne Beurteilung auch der eigenen Person sind so seltene Eigenschaften dieses Genres, daß sie eigens angemerkt zu werden verdienen.

So verlangen denn die drei Bände besondere Aufmerksamkeit, in denen ein nahezu unbekannter Autor sein Leben dargestellt hat –

Franz Schoenberner: „Bekenntnisse eines europäischen Intellektuellen“; 352 S., 22,– DM; „Innenansichten eines Außenseiters“; 320 S., 19,80 DM; „Ausflüge aus der Unbeweglichkeit“; 220 S., 16,80 DM; Kreißelmeier-Verlag, München.

Es wirkt fast als Kuriosum, daß ein Autor auf dem Buchmarkt erstmals mit seinen Lebenserinnerungen hervortritt. Ein leichtfertiger Irrtum wäre es indes, wollte man von diesen Umständen auf eine mindere Bedeutung dessen schließen, was Schoenberner zu sagen hat.

Sein Lebensweg und seine geistige Entwicklung sind charakteristisch für die deutsche Bildungsschicht der Jahrhundertwende. Kaufmannstum, Brotberufe, alles, was mit dem sogenannten „praktischen Leben“ zusammenhing, galt im Pastorenhaus als undiskutabel. Einzig das Studium verbürgte Gesellschaftsfähigkeit. Geistiges stand hoch über Politischem, Reichtum war ein Makel, fast eine schmutzige Sache. So interessierte sich Schoenberner für die „reine“ Kunst, die „reine“ Literatur; deren Beziehungen zu Gesellschaft und Politik blieben unbeachtet.

Noch 1933 wollte Schoenberner eine rein literarische Zeitschrift als Repräsentanz des Exils gründen, eine Zeitschrift, frei von jeder politischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Trotz seiner Erfahrungen in den Jahren der Wirtschaftskrise, trotz seiner dezidierten Hitler-Gegnerschaft, seiner antifaschistischen Tätigkeit als Publizist und Redakteur hat er da offenbar noch an die alleinige Wirksamkeit des besseren Beispiels geglaubt – und an die strikte Trennung von Literatur und Politik. Er beschönigt diese Fehleinschätzung nicht. Indem er seine damalige Position ironisiert, gibt er zu erkennen, wie sehr seine Anschauungen sich gewandelt haben.