Von Karl-Heinz Janßen

Söldner-Saison in Afrika: In Bukawu machen Major Schrammes weiße Landsknechte die Regierung des kongolesischen Riesenreiches zum Gespött, in Angola rüsten sich derweilen andere zum Einsatz in Biafra. Womöglich ist unter ihnen noch dieser oder jener Veteran, der einst in Katanga Fersengeld geben mußte, als Hammarskjölds Blauhelme die Rebellion Tschombés mit Waffengewalt beendeten. Damals kämpfte gegen sie ein junger Offizier aus Gefecht der sich unter der UN-Flagge und im Gefecht mit Sezessionisten seine ersten Tapferkeitsmedaillen verdiente: Chukwuemke Odumegwu-Ojukwu. Heute ist er selber Sezessionist und wird der Söldnerdienste kaum entraten können. Da er noch reicher ist als Moise Tschombé und dazu eines der reichsten Länder Afrikas regiert, fällt ihm die Anwerbung von Soldaten und der Kauf moderner Waffen nicht allzu schwer.

Der 33jährige Oberstleutnant und Präsident des neuen Staates Biafra könnte, wenn er gewollt hätte, das Leben eines Playboys führen. Sein Vater, in britischen Kolonialzeiten zum Sir geadelt, war der wohlhabendste Geschäftsmann in der Ostregion Nigerias. Seinem Sohn verhalf er zu einer gediegenen Ausbildung: Er schickte ihn aufs Epson College und nach Oxford, wo der hochbegabte Ibo Geschichte studierte und zum Master of Arts avancierte. Seine Kommilitonen sind noch heute voll des Lobes über seine Qualitäten als Rugbyspieler, seinen persönlichen Charme und seinen durchdringenden Verstand.

Ojukwu wollte schnell Karriere machen. Da ihn die Beamtenlaufbahn in der Kolonialverwaltung wenig reizte, wurde er 1957 Soldat. Er dürfte der einzige afrikanische Militär sein, der sowohl die Hochschule Oxford als auch die ebenso berühmte Militärakademie Sandhurst besucht hat. Seit dem – nur halbgeglückten – Putsch junger nigerianischer Offiziere im Januar 1966 ist Ojukwu Militärgouverneur der Ostregion. Sei es durch Zufall, sei es, daß er selber etwas nachgeholfen hat – über Nacht wurde er einer der wichtigsten politischen Figuren in der auseinanderbrechenden Föderation.

Biafra ist für Nigeria, was Katanga für den Kongo bedeutet. Hier liegen sechzig Prozent der Erdölvorkommen, hier gibt es Kohle und andere Bodenschätze. Der Zwölf-Millionen-Staat – an Einwohnern größer als Kenia und Ghana – könnte von den Einnahmen gut und gern allein existieren. Überdies wohnen dort neun Millionen Ibos, die zu den intelligentesten und fortschrittlichsten Völkern Afrikas zählen.

Innerhalb Nigerias – dieser wundersamen Konstruktion britischer Kolonialbeamter – spielten die Ibos eine ähnliche Rolle wie einst die Juden in Europa. Bienenfleißig, anpassungsfähig und gewinnstrebend, eroberten sie die Schlüsselstellungen im Bankwesen, im Handel und Gewerbe, in der Verwaltung und im Heer. Sie taten die Arbeit, für die sich die muselmanischen Herrengeschlechter des Nordens zu fein dünkten. Aber zur Verachtung bei den Nordleuten gesellte sich alsbald der Neid, und bei den Ibos, denen von den Stämmen des Nordens die politische Macht vorenthalten wurde, sammelten sich mit der Zeit gefährliche Ressentiments an, die noch durch die Gegensätze von Religion, Sprache und Stamm vergrößert wurden.

Seit den Pogromen im letzten Jahr, als Tausende von Ibos im Norden niedergemetzelt wurden und Millionen in die Stammheimat im Südosten flüchteten, entstand so etwas wie ein biafranisches Nationalbewußtsein. Als sich Ojukwu, gehalten durch den Korpsgeist der Armee, noch immer an die Einheit der Föderation klammerte, hatten sich die ihm Untertanen Ibos längst von den anderen Stämmen abgekapselt. Nigeria war tot, ehe die Sezession verkündet wurde. Ojukwu blieb gar keine Wahl, als die Sache der Ibos zu seiner eigenen zu machen.