Von Max Brod

Else Lasker-Schüler ist auf dem traditionsreichen alten jüdischen Ölberg-Friedhof in Jerusalem bestattet worden. Ihre vielen Verehrer, zu denen auch ich mich mit allem Eifer zähle, haben oft gelitten, wenn sie die unglaublichen Berichte lasen, die schon lange vor dem israelischarabischen Krieg verbreitet waren und immer wieder gedruckt wurden: Die Jordanier, hieß es, auf deren Gebiet seinerzeit dieser Friedhof lag, seien gegen die heiligen Grabsteine vorgegangen, hätten eine Straße quer durch die geweihte Ruhestätte gelegt und dabei die ihrem Dienst entrissenen Grabsteine als Pflaster benützt. Auch beim Bau einer Polizeistation und zu anderen profanen Zwecken seien die Sakralien verwendet worden, und die alten hebräischen Schriftzeichen seien da und dort zu sehen, wo sie sinnlos und ungehörig wirkten. Ich habe solchen und ähnlichen Meldungen über barbarische Akte eigentlich nicht so recht Glauben geschenkt – wie ich allem, was zur Hetze einer Nation gegen eine andere dienen könnte, zunächst mißtraue (das hat langjährige Erfahrung mich gelehrt).

Doch jetzt ist der alte Friedhof unter jüdische Herrschaft zurückgekehrt, und die jetzt erst eintreffenden Bestandsaufnahmen scheinen leider die Gerüchte zu bestätigen: Der Grabstein soll gefunden worden sein an einer Stelle, für die er nicht bestimmt war. Das Grab scheint unter der Straßenwalze eingeebnet, für immer verschwunden. Um viele Gräber auf dem Ölberg muß man Angst haben. Ich wählte als Repräsentanz all solcher Gräber, um die die Kulturmenschheit (wenn es eine solche gibt) in Sorge sein muß, das Grab der von vielen mit Recht bewunderten Else Lasker-Schüler.

Ein amtlicher Bericht über die Desekrationen des Ölberg-Friedhofs wäre dringend erwünscht.