Von Peter Bender

Hans Kroll: Lebenserinnerungen eines Botschafters. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln; 612 Seiten. 24,– DM.

Das breite Gesicht unter der Pelzmütze, die untersetzte stämmige Figur und die durch nichts zu erschütternde Selbstgewißheit – diese Ähnlichkeit schien Hans Kroll, den Botschafter der Bundesrepublik in Moskau, mit Nikita Chruschtschow zu verbinden. Der gute persönliche Kontakt beider Männer und Krolls ausgeprägtes Talent, sich selbst und seine Bedeutung herauszustellen, erweckten in der westdeutschen Öffentlichkeit den Eindruck: hier sei die Alternative zur Außenpolitik Bonns; hier sei der Mann, der endlich die deutsche Frage lösen könne. Kroll wurde – für linke wie für rechte Opponenten – zum Mythos; sein Name reihte sich als weiteres Glied an die Kette verpaßter Gelegenheiten der westdeutschen Ostpolitik.

Dieser Eindruck ist bestenfalls halb richtig. Die Lektüre der Memoiren Krolls zeigt, daß sich der Moskauer Botschafter von seinem Kanzler nur in zweierlei Hinsicht unterschied: in der Taktik und in der Intensität, mit der er ein besseres Verhältnis zur Sowjetunion anstrebte. Was den Inhalt der Ostpolitik angeht, erscheint Kroll mindestens ebenso konservativ wie Adenauer. Den Herter-Plan vom Frühjahr 1959, der den Sowjets für die Freigabe der DDR nur militärische, nicht aber politische Gegenleistungen bot, also ein schlechtes Geschäft für sie gewesen wäre, bezeichnet er als „realistisch“. Einen Zeitungsartikel, in dem ihm unter anderem die Bereitschaft zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze nachgesagt wurde, empfand er nicht nur als schädlich für seine Arbeit, was man verstehen kann, sondern als „ehrenrührig“. Wie ein Korpsstudent von 1910 forderte er „volle Satisfaktion“. Noch im vergangenen Jahr, als er sein Buch abschloß, war Kroll mit seinen Gedanken über das Verhältnis zu Ostberlin nicht so weit wie führende Politiker der SPD und FDP.

Krolls „ostpolitische Konzeption“, von der er mehrmals spricht, beschränkte sich im Kern auf ein einziges Ziel: er wollte Adenauer und Chruschtschow an einen Tisch bringen. Was die beiden dann miteinander hätten aushandeln sollen, worin die „Generalbereinigung“ der Beziehungen zwischen Bonn und Moskau hätte bestehen sollen, darüber schweigt Kroll. Auch er habe, so bekennt er im Schlußkapitel, kein „Wunderrezept“; und die Frage, was er sich als Ergebnis von „deutsch-sowjetischen Direktverhandlungen“ verspreche, erscheint ihm „nicht ganz fair“. Sein Hinweis, man dürfe nicht vor Verhandlungen schon die Karten auf den Tisch legen, konnte beim Botschafter Kroll überzeugen; vom Memoirenschreiber Kroll erwartet man, daß er aus seinen langen Moskauer Erfahrungen einen Beitrag leistet zur Diskussion über die Ostpolitik.

Doch dafür hat Kroll nicht mehr zu bieten als ein paar vernünftige, im Grunde selbstverständliche Verfahrensregeln: „Zunächst mit den peripheren kleineren Problemen, die ... lösungsreif erschienen, beginnen und die großen Fragen, vor allem Wiedervereinigung und Berlin, ausklammern“ – oder wie er an anderer Stelle schreibt: „Schrittweise Besserung der Beziehungen, um eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen – als Voraussetzung für spätere erfolgreiche Verhandlungen auch über politische Kernfragen“. Um diese Voraussetzung hat sich Kroll redlich bemüht. Seine Verdienste um die Erweiterung des Handels, um den Kulturaustausch und um die Rückführung von Deutschen aus der Sowjetunion erscheinen unbestreitbar. Daß es ihm mißlang, die Beziehungen zwischen Bonn und Moskau zu bessern, geht nicht auf sein Konto, sondern ist eine Folge der Rapallo-Ängste, innenpolitischer Rücksichten und sonstiger Vorbehalte in Bonn.

Wenn man nach der Lektüre dieser Erinnerungen von verpaßten Chancen sprechen kann, so nur in einem Sinne: Chruschtschow war Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre offensichtlich daran interessiert, mit der Bundesrepublik Politik zu machen. Das Resultat wäre sicherlich nicht die Wiedervereinigung gewesen. Immerhin ließe sich denken, daß der Prozeß der Aussöhnung zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik, der jeder erfolgreichen Ostpolitik Bonns vorausgehen muß, schon damals in Gang gekommen wäre. Wir könnten heute schon sechs bis acht Jahre weiter sein. Was uns jetzt größte Schwierigkeiten bereitet, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den übrigen osteuropäischen Staaten, wäre damals – im Zuge einer Verständigung zwischen Bonn und Moskau – vermutlich kaum ein Problem gewesen. Vor allem: ein Ost-West-Arrangement über Mitteleuropa, wie es Chruschtschow anstrebte, hätte zwar die Zweistaatlichkeit Deutschlands bestätigt, aber es hätte uns auch sechs bis acht Jahre weiterer Verhärtung zwischen der Bundesrepublik und der DDR ersparen können – vielleicht sogar, im äußersten Glücksfall, die Mauer.