Die deutschen Gewerkschaften befinden sich in einer Situation, um die sie nicht zu beneiden sind. Ihre Hauptwaffe, über die sie verfügen und die sie für ihre Mitglieder attraktiv macht, können sie zur Zeit nicht einsetzen; in einer wirtschaftlichen Rezession ist für Lohnerhöhungen kein Platz. Und auf dem weiten Feld der über- und außertariflichen Verdienste gar ist ihnen jede Einwirkungsmöglichkeit überhaupt versagt; ohnmächtig mußten und müssen sie zusehen, wie – erzwungen durch Absatzschwierigkeiten und Kostendruck der Betriebe – Leistungen gekürzt oder ganz gestrichen wurden.

Es ist den Gewerkschaften daher noch nicht einmal zu verdenken, daß sie sich jetzt darum bemühen, wenigstens durch „tarifliche Absicherung“ der über den Tariflöhnen liegenden Effektivverdienste und freiwilligen sozialen Leistungen ihre Existenzberechtigung auch in der Rezession unter Beweis zu stellen. Indessen stößt auch diese sogenannte „kostenneutrale“ Tarifpolitik der Gewerkschaften auf eine Fülle praktischer Schwierigkeiten und prinzipieller Bedenken, die ihr wenig Erfolgsaussichten geben.

Seit Wochen wird in der Metallindustrie um neue Tarifverträge gerungen. Nach den Erklärungen der IG Metall sollen der Wirtschaft damit keine neuen materiellen Belastungen aufgebürdet werden. Die Tarife sollen zwar erhöht, aber durch Anrechnung auf die höheren Effektivverdienste und freiwilligen sozialen Leistungen für die Betriebe „kostenneutral“ gehalten werden. Der Gesamtverband der Metallindustriellen Arbeitgeberverbände (Gesamtmetall) ist der Ansicht, daß das nicht möglich sei. In der Tat dürfte es außerordentlich schwierig sein, für die Tarifierung von über- und außertariflichen Leistungen Formeln zu entwickeln, die für die Betriebe nicht mit neuen Kostenbelastungen verbunden wären.

Die Arbeitgeber halten die gewerkschaftlichen Ambitionen aus folgenden Gründen für nicht realisierbar:

  • In Unternehmen, in denen die Belegschaft oder Teile von ihr nur tarifliche Leistungen erhalten, würde eine Verwirklichung der gewerkschaftlichen Forderungen die Lohnkosten erhöhen. Die Tariflohnerhöhung würde sich bei allen denjenigen Arbeitnehmern, die nach Tarif bezahlt werden oder deren Verdienst geringfügig über dem Tarifanspruch liegt, mangels Anrechnungsmöglichkeit in einer Verdiensterhöhung auswirken, während sich bei Arbeitnehmern mit einer höheren übertariflichen Spanne der Effektivverdienst nicht ändern würde. Auf diese Weise würden die leistungsschwächeren Arbeitnehmer gegenüber den übrigen bevorzugt werden. Die Betriebe würden über kurz oder lang gezwungen sein, zur Wiederherstellung der Leistungsrelationen, und um Unzufriedenheit zu vermeiden, auch die Löhne und Gehälter der übrigen Beschäftigten effektiv zu erhöhen.
  • Bei vielen Arbeitnehmern sind übertarifliche Leistungen gar nicht anrechnungsfähig. Das gilt beispielsweise für die echten Leistungszulagen bei Zeitlöhnern. Auch bei der Masse der Akkordlöhner ist eine Anrechnung nicht ohne veiteres möglich, weil sie eine Revision der Vorgabezeiten voraussetzt. Dies ist, nach Meinung der Arbeitgeber, eine Arbeit von Jahren.
  • Jede Tariflohnerhöhung schließlich, auch wenn sie angerechnet werden könnte, erhöht den Tarifgrundlohn. Dieser ist aber die Basis für die verschiedensten tariflichen und freiwilligen Zulagen und Zuschläge, die in Prozenten ausgedruckt werden (Leistungszulagen, Erschwerniszulagen, Mehrarbeits-, Sonn- und Feiertagszuschläge, Nachtzuschläge). Jede Erhöhung der Tarifbasis bedeutet bei gleichbleibendem Prozentsatz der Zulagen und Zuschläge, daß der absolute Betrag der Zulagen bzw. Zuschläge höher ist als zuvor.

Es mag dahingestellt bleiben, ob und wieweit die Argumente der Arbeitgeber ausreichen, um dem Wunsch der IG Metall nach Tarifierung der, nicht tarifierten Lohnbestandteile ein begründetes Nein entgegenstellen zu können. Sicher ist aber auf jeden Fall, daß es sich in der diesjährigen Lohnrunde der Metallindustrie um außerordentlich komplizierte tarifpolitische Probleme handelt, für die eine befriedigende Lösung nur schwer zu finden sein wird.

Und dazu kommt natürlich noch die ganz prinzipielle Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist und im Interesse der Arbeitnehmer selbst liegt, die ihnen von den Betrieben gezahlten freiwilligen Zuwendungen in das Korsett von Tarifverträgen zu zwängen.