Hannover

Nach der autoritären Herrschaft früherer Zeiten haben wir uns jetzt ein wenig zu sehr vom gesunden Mittelmaß entfernt; wir wollen die Demokratie zu gut machen, so sprach Polizeipräsident Fritz Kiehne, nach dem Gammlerproblem in Niedersachsens Landeshauptstadt befragt. Wenige Tage darauf ließ er die gesunde mittelmäßige Demokratie praktizieren. In Hannover war die Schonzeit für Gammler beendet.

Jahrelang hatten Bürger und Polizei die Gammler toleriert. Bis sich die Unbürgerlichen eines Tages von der einen Seite des Georgsplatzes – der Gammler bisherige Schlafstatt und Treffpunkt – auf die andere wagten und sich hinfort zwischen einer Maillol-Plastik und einem Bankgebäude etablierten. Aufgebrachte brave Bürger zürnten, mehr noch aber die Bankdirektoren. In originellen Leserbriefen schlug sich das gesunde Volksempfinden nieder: „Bestimmte Bezirke sind für Prostituierte gesperrt. Warum gibt es solche Sperrbezirke nicht auch für Gammler?“

Während die Bürger ihrer Polizei noch Untätigkeit vorwarfen, fühlten sie sich von der Stadtverwaltung bereits verstanden. Eines Morgens, früh um sieben, wurden die Gammler von einem Dutzend städtischer Arbeiter des Platzes verwiesen. Ein Wasserwerfer rückte an, der Platz wurde abgespritzt. Einige hundert Frühaufsteher hatten ihren Spaß; die Antibürger räumten irritiert das Feld. Vier Stunden später gab es eine neue Version des Spaßes. Mit Desinfektionsmitteln besprühten städtische Arbeiter städtische Bänke und säuberten städtischen Rasen.

Die Stadtverwaltung registrierte einen spektakulären Publikumserfolg. Aber der Polizeipräsident stahl ihnen die Schau, als er zur ersten nächtlichen Razzia blies. Zwei Stunden nach Mitternacht ließ er den Georgsplatz von 70 Polizisten und Kriminalisten umzingeln. Für die Gammler war die Nacht zu Ende. Ein Maler und ein Bildhauer wurden versehentlich mitgefangen – sie durften nach einigen zehn Minuten ihrer Wege gehen. Die Gammler hingegen wurden „sistiert“ und im Polizeipräsidium bis in die Morgenstunden überprüft: auf Personalien und Geschlechtskrankheiten. Den meisten wurde – wie es ein hoher Polizeibeamter formulierte – die „mißbräuchliche Benutzung des öffentlichen Verkehrsraums zum Schlafen“ vorgeworfen.

In der Nacht zum Freitag voriger Woche ließ der Präsident die Razzia wiederholen. Aber diesmal schienen die Gammler gewarnt. Zehn Minuten bevor die Polizisten ausschwärmten, verabschiedeten sich einige herzlich und setzten sich ab. Was folgte, war nicht ohne Komik: Die verbliebenen Gammler begrüßten die Polizisten freudig und lautstark wie gute alte Bekannte.

Die letzte Razzia hatte ein Vorspiel am frühen Abend. Weil ein Gammler angeblich auf dem Platz radgefahren war, wurde ein halbes Dutzend Streifenwagen aufgeboten, um ihn festzunehmen. Fast tausend Hannoveraner folgten dem Schauspiel, bei dem unter anderem einem Gammler ein Auge ein bißchen blau geschlagen wurde. Protestierend marschierten des Geschlagenen Freunde zum nächsten Polizeirevier, um Anzeige zu erstatten. Ein Polizeihauptmeister jedoch besann sich der Worte seines Präsidenten. Ihm wird niemand vorwerfen, daß er „die Demokratie zu gut machen“ wollte. „Anzeige gibt es nicht“, sagte er, „das Grundgesetz ist heute außer Kraft.“

Am vorigen Sonntag versuchten die Gammler, sich mit den Bürgern zu versöhnen. Wohlmeinende hatten ihnen Blumen geschenkt, die sie ihrerseits als Zeichen des guten Willens an die Bürger weitergeben wollten. Allein, die Bürger blieben skeptisch. Nur wenige nahmen die Blumen. Die meisten wollten sich „keinen Sand in die Augen streuen lassen“. So steckten sich die Gammler selbst die Blüten ins Haar. Aus den Gammlern wurden Hippies. Andreas Kater