Die einzige Kritik, die Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger einen Tag nach seiner Rückkehr aus den USA vor der Bonner Presse äußerte, richtete sich gegen seinen Amtsvorgänger. Zu Erhards Urteil über das Prager Abkommen meinte der Kanzler: „Die Kritik Erhards ist nicht berechtigt.“ Sonst strahlte Kiesinger, der zum drittenmal der Bundespressekonferenz Rede und Antwort stand, Optimismus aus.

In der Wirtschaft gebe es aufwärts, in der Außenpolitik vorwärts. Zur Konsultationsvereinbarung mit Präsident Johnson erklärte er: „Vielleicht werden wir auch einmal miteinander telephonieren.“ Zum Thema „mittelfristige Finanzplanung“ äußerte Kiesinger, dies sei ein Versuch, in Zukunft zu vermeiden, daß eine Situation entstehe wie die, „in die wir im letzten Jahr hineingestolpert sind“.

Schützend stellte sich der Kanzler vor seinen Außenminister, der von seiten der CDU in der letzten Zeit angegriffen worden war. Brandt hatte in Bukarest von „den bestehenden Realitäten“ in Europa gesprochen und von den beiden „Ordnungen“ in Deutschland. Das hatte CDU-Abgeordnete auf den Plan gerufen. Kiesinger entgegnete, nun, Brandts Erklärungen stünden nicht im Widerspruch zur Regierungspolitik, sie seien höchstens eine Frage der „terminologischen Interpretation“.

Auf die Frage, ob er – wie Erhard – Washington für den Vietnamkrieg die „moralische Unterstützung“ der Deutschen zugesichert habe, antwortete Kiesinger: „Ich weiß nicht, wo die moralische Unterstützung aufhört und die politische beginnt. Ich hasse Halbheiten.“

Im Weißen Haus hatten Kiesinger und Johnson, wie zuvor vereinbart, über die strittigen Fragen – Atomsperrvertrag und Bundeswehr-Kürzung – nicht detailliert verhandelt. Der Kanzler beruhigte den Präsidenten, Einsparungen bei der Bundeswehr gingen nicht zu Lasten der Verteidigungskraft; Johnson bestätigte Kiesinger, das Nonproliferationsabkommen werde nicht die westdeutsche Wirtschaft schwächen. Beide vereinbarten zudem häufigere Konsultationen.