Von Marianne Kesting

Es wäre aufschlußreich, einmal Schilderungen der gleichen Stadt aus verschiedenen Epochen miteinander zu vergleichen, etwa Schilderungen von Paris oder München, die so viele und verschiedenartige Schriftsteller beherbergt haben. Man würde feststellen, daß dabei sich weniger eine Topographie der Städte als eine der jeweiligen Bewußtseinslagen ergibt. Spätestens seit der Jahrhundertwende wird die Umwelt zum Gleichnis für den inneren Zustand des Schreibenden.

Dem vielgereisten Franzosen Jean Pierre Faye, der zwei seiner Romane in deutschen Städten spielen läßt, erscheint in seinem Roman

Jean Pierre Faye: „Pulsschläge“, aus dem Französischen von Eva Moldenhauer; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 248 S., 22,– DM

die Stadt München, die namentlich nicht genannt wird, als ein undurchschaubares Dickicht schemenhafter Großstadt Vorgänge, quasi als ein ortloser Ort mit den üblichen Lichtreklamen, rauschendem Verkehr, Straßenbahngeklingel, der Unwirtlichkeit von Hotelzimmern im Bahnhofsviertel – und lediglich gewisse Straßen und Plätze, die es nur in München gibt, und die Geheimorganisation „Rote Hand“ annoncieren, daß wir uns in der bayerischen Metropole befinden. Faye schildert nicht die Stadt, sondern die Wahrnehmungen eines Fremden, dessen – noch durch Kopfschmerzen beeinträchtigtes – Bewußtsein von äußeren Eindrücken und zufälligen Beobachtungen, von Lärm und Licht und Bewegung, eben dem „Pulsschlag“ der Großstadt, überflutet wird.

Der Fremde, der Erzähler, ist ohne Orientierung, und er sucht den Leser der gleichen Orientierungslosigkeit auszuliefern, indem er ihm, durch das Gewirr von Eindrücken und Beobachtungen, nur stückweise den Ariadnefaden einer Handlung übermittelt.

Der Fremde verkauft pharmakologische Lexika, er sucht nach einer inzwischen mit einem anderen Mann verheirateten Frau, die ihn verlassen hat, empfängt Briefe von seiner Frau, die wiederum er verlassen hat. Eine junge Dame im Hotel scheint sich für ihn zu interessieren. Was den Fremden mit den drei Frauen verbindet, bleibt unklar. Ob er wirklich diese Lexika vertreibt oder gar im Hintergrund in politische Machenschaften verwickelt wird, ist vollends undeutlich. Jedenfalls wird er von zwei Männern der „Roten Hand“, die in ihm einen Agenten der FLN vermuten, beobachtet, eingekreist, schließlich unter eine Straßenbahn gestoßen. Dieses Geschehen zeichnet sich nur in kargen Umrissen ab.