Von Wolfram Siebeck

Zimmer frei – so hören wir mit Sorge – ist in diesem Sommer zum Notruf der Hotels und Pensionen geworden. Wo in früheren Jahren zur Hochsaison sogar Badezimmer und Besenkammern an Touristen vermietet wurden, knarren die Dielen jetzt in leeren Zimmern.

Und während wir mitfühlend nicken – Ja, ja, die Krise! –, erschreckt uns eine neue Hiobsbotschaft: In Nordrhein-Westfalen sind die Gefängnisse so überfüllt, daß Haftstrafen bis zu drei Monaten vorläufig nicht abgesessen zu werden brauchen. Kein Zimmer frei!

Was liegt da näher, als die Zimmer suchenden Häftlinge auf Staatskosten in die leerstehenden Touristenquartiere einzuweisen? Die Busfahrt würde auf die Haftdauer angerechnet. So wäre den Hoteliers geholfen, und die Gesetzesbrecher kämen zu ihrer gerechten Strafe. Ich kenne deutsche Hotels, die, was Freundlichkeit und Service angeht, mit jeder Haftanstalt konkurrieren können. Auch ist die erzieherische Wirkung verschiedener Gasthöfe Niederbayerns auf den protestantischen Großstadtkriminellen des Ruhrgebiets gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Der Tagesablauf in unseren Dorfgasthäusern ist schon seit langem der Strafvollzugsordnung angepaßt: Um 5.30 Uhr Wecken durch Kuh- oder Kirchenglocken. Anschließend knattert der Traktor des Bürgermeisters zum Frühsport. Das übliche Hotelfrühstück mit dem Reue fördernden Nährstoff Marmelade bringt dem Häftling die Schwere seiner Tat allmorgendlich zum Bewußtsein. In seiner Einzelzelle hat er für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Ihm steht ein Waschbecken zu, und sei es noch so klein, sowie die Mitbenutzung der Haustoilette. Die 15-Watt-Birne an der Zellendecke muß um 21.00 Uhr ausgeschaltet werden. Dafür schaltet der Wirt die Musikbox ein, die von allen Einschlafenden gut gehört werden kann. Handtücher werden alle zehn Tage gewechselt; auf die Garderobe ist selbst zu achten.

Bei Fluchtversuchen wird die Haftstrafe zur Vollpension verschärft. Gnadengesuche sind an das deutsche Hotel- und Gaststättengewerbe zu richten.