Von Juri Kossjukow

Dies ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Augenzeugenbericht: ein sowjetischer Journalist schildert seine Eindrücke und Erlebnisse aus Rotchina, und es ist ein Reporter, der von Maos Behörden des Landes verwiesen wurde. Die Reportage, aus der wir hier Auszüge veröffentlichen, stammt von Juri Kossjukow, dem ehemaligen Pekinger Korrespondenten der „Iswestija“. Sie erschien in der deutschsprachigen Moskauer Zeitschrift „Neue Zeit“.

Im Zentrum der chinesischen Metropole, zwei Schritte vom Tiennanmenplatz, steht dem Hotel „Peking“ gegenüber ein massiver sechsstöckiger unverputzter Ziegelbau, bis zum Dachstock mit „Zeitungen der großen Schriftzeichen“ beklebt und mit einem Porträt von Mao Tse-tung am Eingang. Unter tosenden Gongschlägen arrangierten die „roten Wachmannschaften“ vor dem Ziegelbau ihre Fahnen und Tafeln mit Aussprüchen des „großen Steuermanns“, worauf sie sich auf die Stufen der großen Freitreppe hockten. Ihre Anführer forderten sie durch Lautsprecher auf, „nicht wegzugehen, bis alle bürgerlichen reaktionären Kapazitäten, die sich hier verschanzt haben, aus ihren Schlupflöchern gezerrt sind“.

Diesen Anblick bot das chinesische Ministerium für Kohlenindustrie Ende vorigen Jahres, kurz vor meiner erzwungenen Abreise aus Peking, wo ich fast fünf Jahre die Iswestija vertreten hatte, jeglicher Geschäftsbetrieb im Ministerium war eingestellt, sein Haus war von den „roten Wachmannschaften“ besetzt. Aus den offenen Fenstern hörte man Schreien und Grölen, mitunter ein paar Fetzen von „revolutionären Liedern“. Vor dem Hause ging indessen der „Sitzstreik“ der Anhänger der „Kulturrevolution“ gegen die „mit der Macht Betrauten, in die Partei Eingedrungenen und den kapitalistischen Weg Gehenden“ weiter.

Im Lande herrschte größter Brennstoffmangel, mit jedem Tropfen Benzin mußte gegeizt werden, im Ministerium für Kohlenindustrie aber saßen statt der Fachleute die „jungen Vorkämpfer Maos“.

„In den Minsterien“, brüllten sie, „haben sich Pseudorevolutionäre eingenistet, die außen rot und innen weiß sind!“

Nicht nur mit Losungen wurde gegen die Mitarbeiter der Ministerien vorgegangen, auch mit Rohrstöcken, Eisenstangen, Messern, Glasscherben, Ziegelsteinen und Kabelenden.