Berlin

Am dritten oder vierten Tag stellt sich die Lust auf die Kartoffel ein. Doch dann, wenn man es schafft, das Gespenst der Beliebtheit nicht zu essen, kommt das alte Wohlbehagen auf der Eiweiß-Basis wieder.

In diesen warmen Tagen begann in Berlin ein Heilpraktiker mit der Erfüllung eines langgegebenen Versprechens. Ohne „die Qual eines steten Hungergefühls“ sollen Dicke bei ihm ihre Überfülle verlieren, dabei arbeitsfähig und nervlich intakt bleiben. In seiner Charlottenburger Souterrainwohnung deckt jetzt der 45 Jahre alte Werner Duchstein als deutscher Schrittmacher der Devise „Was angegessen ist, kann auch abgegessen werden“ allabendlich die Tische mit kalorienarmer Mahlzeit.

Vor der Tür steht eine Säule aus Blumenkohl-Dämpfen. Doch es wäre verfrüht, wegen dieser Dünste auf Eintönigkeit zu schließen. Es gibt noch mehr: ein frauenhand-großes Rumpsteak vom Grill, Sellerie geraspelt, Schwarzwurzeln, grünen Salat ohne Öl und roten eingelegten Paprika. Alles sieht gefällig aus – mit Petersilie garniert, auf weißen Tüchern serviert. In dem Speisezimmer mit 30 Eßplätzen haben sich zehn Esser eingefunden. Frau L., deren von Gemütlichkeit und Konditorei herrührender Umfang Heilpraktiker Duchstein als Kummerspeck klassifiziert, sagt: „Das Auge ißt mit.“ Alle scheinen froh über den Entschluß, in gleichgesinnter Runde sich das Format junger Tannen zurückzuerkämpfen.

Die Erforschung der Eßmotive sei besonders wichtig. Denn irgendwie basiere jede Korpulenz – außer der Beleibtheit, die von einer Funktionsstörung der Drüsen herrührt – auf einem unterbewußten Nachholbedürfnis für irgendwann Entbehrtes. Wer will, soll erzählen, was ihn zum übermäßigen Essen führte. Und um die Zungen der zehn zu lösen, beginnt Duchstein, der selbst „die Pein, ein Dicker zu sein“ erlebte, mit dem angeblich ursächlichen Erlebnis seiner inzwischen stark reduzierten Üppigkeit: Es sei im Jahre 1929 gewesen. Die Deutschen hätten eine schlimme Zeit durchstehen müssen, und da habe er als Knabe seinen Vater dabei beobachtet, als dieser einen Ring Fleischwurst allein aß. Durch Eigenanalyse sei er auf den Wurstring gestoßen.

Zehn Tage dauert die Diät-Grundkur für 100 Mark, „bei deren Einhaltung man zweieinhalb Kilo Fett und die gleiche Menge Aqua verliert“. Übergewichtler aller Berufsgruppen – gleich, ob es Schwerarbeiter sind mit einem täglichen Kalorien-Anspruch von 4000, Burgsitzen mit einfacher Geistesarbeit mit einem Bedarf von 2000 oder scharf denken de Sitzer mit einem Bedarf von 2500 – werden mit einer 750-Kalorien-Obst-und-Gemüse-Diät gesättigt. Man trifft sich zum Abendessen und bekommt Frühstück und Mittagessen für den folgenden Tag mit auf den Weg.

Die Sprache kommt auf den Buhmann der Kindheit, den Suppenkaspar, der sterben mußte, weil er immerzu sagte: „Nein, meine Suppe eß’ ich nicht.“ Ob von einem gewissen Alter an, sagen wir ab 60, nicht der Anspruch auf ein kleines Übergewicht bestünde? Duchstein sagt: „Ja, vielleicht fünf Kilo.“ Die Anwesenden, die alle unter 60 sind, sprechen jetzt von der längeren Lebenserwartung, vom Treppensteigen, vom Kreislauf und der Herzneurose. Einige Herren haben nicht mehr als einen als üblich anzusehenden Bauch. Bei ihnen spielen die Badehose und die Wirkung im Schwimmbad eine Rolle: „Mit Wampe, nee! Is doch so?“