Wer sich heute mit China beschäftigt, begiebt sich in einen Wald von Fragezeichen. Sicher ist, daß den Staat der 700 Millionen seit Monaten Blitze der Unruhe durchzucken. Aber wer gegen wen, wie gegen wen, wo gegen wen – diese Informationsdetails verschwimmen nur allzuoft im Schatten des Bambusvorhangs.

Heute ist es nicht einmal mehr gewiß, ob oder wielange noch China eine Zentralgewalt hat. Mao – das allein scheint leidlich erwiesen zu sein – hat die Kulturrevolution angezettelt, um seine Gegner mit der Terrormacht der jugendlichen Straßenhorden in die Knie zu zwingen.

Ob aber Mao und die Clique um ihn jenes Instrument, das sie sich schufen, auch jetzt noch beherrschen, ist mehr als zweifelhaft. Vielmehr sieht es so aus, als würden sie nun selber beherrscht.

In der Nacht zum Mittwoch hat es in Peking einen neuen schlimmen Veitstanz der Revolution gegeben. Jenes 48stündige Ultimatum war abgelaufen, in dem die chinesische Regierung London aufgefordert hatte, das Verbot von drei kommunistischen Zeitungen Hongkongs aufzuheben. Großbritannien hatte die Note zurückgewiesen, und als die Frist verstrichen war, traten die wütenden Rotgardisten zum Sturm auf die britische Gesandtschaft an. Der Geschäftsträger und andere Diplomaten wurden schwer mißhandelt, Möbel zertrümmert und in Brand gesetzt. Zwar, die Feuerwehr löschte schließlich das Feuer – aber der wirkliche, der politische Brand ist nicht mehr zu löschen.

Die Roten Garden, gehetzt von der Ekstase des Amoklaufes, sind darauf aus, sich mit aller Welt anzulegen. Nur wenige Tage, bevor die britischen Diplomaten mißhandelt wurden, sind auch sowjetische in ihrer Botschaft verprügelt worden, und deren Kollegen aus der Mongolischen Volksrepublik haben gleichfalls ihr Teil abbekommen. Wenn die Berichte stimmen – und wenigstens aus dem Stadtbezirk von Peking sind sie doch einigermaßen zuverlässig – dann darf dort auf den Straßen kein Ausländer seines Lebens mehr sicher sein.

Die Roten Garden schlagen blindwütig nach allen Seiten. Und wenn man sich die jüngste Außenpolitik der Regierung ansieht, dann verstärkt sich der Verdacht, daß auch hier nicht mehr Kalkül, sondern allein Fanatismus am Werke ist.

China hat während der letzten Wochen mit diplomatischen Noten oder heftigen Schmähungen nur so um sich geworfen. Hier der Katalog der Empfänger: Großbritannien (von den USA ganz zu schweigen), Sowjetunion, Mongolische Volksrepublik, Burma, Italien, Indien, Mexiko, Schweiz, Schweden, Indonesien, Nepal, Tschechoslowakei und Bulgarien.

Die Chinesen, ob sie prügeln oder Noten verfassen, sind der Vernunft verlustig gegangen. Je unberechenbarer die Nuklearmacht China aber wird, desto gefährlicher wird sie auch. H. G.