Von Karl-Heinz Wocker

London, im August

Als der Unterhausabgeordnete Cunningham, der South Antrim in Nordirland vertritt, in der obligaten Lektüre des (seiner Fraktion nahestehenden) „Sunday Telegraph“ bis zur letzten Seite gekommen war, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Da stand schwarz auf weiß zu lesen, daß „Bulldoggen-Simbule“ seine despektierliche Bemerkung über Großbritannien wiederholt habe und noch dazu gegenüber einer unzweifelhaft glaubwürdigen Person, dem Commonwealth-Redakteur des konservativen Blattes. Sir Samuel Knox Cunningham verfaßte sofort eine Demarche an die Labour-Regierung, sie möge Mr. Simbule zur Persona non grata erklären. In Abwesenheit von Commonwealth-Minister Bowden, der Urlaub in Südirland macht, wurde die Sache jedoch mit größter Vorsicht behandelt. Einen Hochkommissar – wie sich die Botschafter der Völkerfamilie titulieren – weist man nicht einfach aus. Man erkundigt sich erst einmal bei ihm selber, ob er das auch so gesagt habe, wie es berichtet wurde und – wenn ja – ob er es auch so meinte, wie er es gesagt habe.

Nun ist Alinan Simbule, der die Republik Sambia in London repräsentiert, durchaus zuzutrauen, daß er es tatsächlich so gesagt hat. Der pausbäckige schwarze Diplomat mit dem breiten, unschuldigen Lächeln, hatte sich schon zuvor am Hof von St. James auf höchst ungewöhnliche Weise eingeführt. Als er, nach London befördert, die Nachfolge des umgänglichen Simon Katilungu antreten sollte, schickte er von seinem damaligen Arbeitsplatz Daressalam die Bemerkung voraus, England sei eine „erbärmliche zahnlose Bulldogge“. Das Foreign Office gab dem anreisenden Neumitglied des Diplomatischen Corps zu verstehen, an eine Akkreditierung durch das Staatsoberhaupt, die Queen, sei bei solchen „simbulischen“ Gesinnungen nicht zu denken.

So residierte Simbule über zwei Monate untätig im Sambia-Haus am feinen Cavendish Place, und zwischen London und Lusaka gingen die Telegramme hin und her, ob man einlenken solle oder nicht. Zwischendurch las der Briten-Höhner in der Zeitung, daß auch Wilson selbst mit dem Gebrauch hündischer Vokabeln für seine politischen Widersacher nicht eben sparsam umging. Aber das war eine Sache unter Engländern, darauf konnte sich ein Ausländer nicht berufen.

Schließlich erhielt der sambianische Heißsporn einen Wink seines Präsidenten Kaunda und begann, sich durch freundliche Aussprüche über sein Gastgeberland auf eine Versöhnung vorzubereiten. „Warme Gefühle der Freundschaft“, so vernahm man plötzlich von ihm, hege er für England. Britannia nahm den Reumütigen an ihren Busen. Am 21. Juli fuhr Simbule, protokollgerecht herausgeputzt, in den Buckingham-Palast – und wurde in die Schar der rechtmäßigen Diplomaten aufgenommen.

Doch nicht einmal ein Monat war vergangen, da reizte es den Sambesen von neuem, seine „warmen“ durch seine wahren Gefühle zu ersetzen. Vor der Abreise zum heimatlichen Parteitag der UNIP, Präsident Kaundas „United National Independence Party, erklärte er John Michael vom „Sunday Telegraph“, jedermann könne sehen, wie „zahnlos die britische Bulldogge Politik gegenüber Rhodesien betreibt“. Simbule fügte hinzu: „Ich nehme nichts von dem zurück, was ich gesagt habe, bevor ich herkam. Ich wiederhole es.“ In Nairobi sagte er es zum drittenmal. „Die Wahrheit tut weh“, fügte Simbule lakonisch hinzu.