Dienstag, 15. August, 21.15 Uhr, Zweites Programm: „Die Italiener“

Luigi Barzini erläuterte die Theorie seines Buches, die Italiener seien ein Volk von showmen und Bühnenakteuren, mit Hilfe einer Reihe von Bildern, die das Italien von heute vor der Folie des Italien von gestern erhellten, Beziehungen zwischen Perfekt und Präsens herstellten und den gleichen barocken Grundzug, den Sinn für Gestik und Schau, im Opernpomp des siebzehnten Jahrhunderts und im dramatischen Gehabe moderner Demonstrationen, der Himmelfahrtsprozession und des 1.-Mai-Aufmarsches, anschaulich machten.

Die Gegenwart gewann ihren historischen Schatten, die Piazza Navona, Domitians alte Arena, erschien als das Herz eines sehr alten und sehr menschlichen Landes, Bernini und Borromini, der Meister des Brunnens und der Meister der Kirche, gaben sich als Ahnherrn moderner Parlaments-Duellanten. An Ritualien unserer Zeit, der öffentlichen Präsentation der Mitgift und dem Flanieren auf der Piazza, wurden alte Schausteller-Praktiken interpretiert; die Zentral-Maxime von den Italienern, die immer ein Publikum brauchen, um sich entfalten zu können, gewann auch dem Bekannten neue Seiten ab: Wie überzeugend war es, als Barzini in diesem für amerikanische Zuschauer bestimmten Film dem Rattenfänger Mussolini, als einem Thomas Mannschen Schmieren-Magier und Drehorgelmann, den Platz nicht neben Hitler, sondern neben dem ehrenwerten Cecil B. de Mille aus Hollywood anwies.

Ein Volk der Gestik und des Wortes, ein Volk, das daran glaubt, daß erst der sichtbare Ausdruck dem Gedanken Gewicht und Bedeutung verleiht: meisterlich wurde dieses Axiom am Beispiel zweier Gebärden-Sequenzen verdeutlicht – zuerst das Spiel mit Fingern und Wangen, ein Bohren und Rudern, ein Kratzen und Klatschen, und dann, auf die Frage, ob jemand unter den sizilianischen Dorfbewohnern etwas vom Mord in der vergangenen Nacht bemerkt habe, ein Schütteln der Köpfe, ein Achselzucken und Händeheben und Händeausstrecken, ein wo in dutzendfacher Variation, ein Spiel auf offener Bühne, witzig, eindeutig und risikoreich, ein Spielen aber auch, das überspielen will – Apoll, und dahinter die Nacht – ein Spiel aus Verzweiflung und Ekel, ein Sich-etwas-Vormachen im Angesicht mächtiger Feinde und des mächtigsten, der Bürokratie, ein Illusionstheater, das nur einem einzigen Ziel dient: sich zu behaupten in widriger Umwelt, Lärm zu machen, der den Herzensschrei übertönt, am Leben zu bleiben.

Wenn diese These stimmt, wird sich in Italien – und das ist Barzinis Sentenz – nie etwas ändern, es wird niemals ganz schlimm und niemals ganz gut sein... genauso wie jetzt. Man wird am Samstag, mit roten Blusen und der feurigen Nelke im Haar, mit der KPI demonstrieren und am Sonntag den Weg der Jungfrau verfolgen. Wenn diese These stimmt; wenn das Verständnis des Italieners für die menschliche Natur und die menschliche Schwäche nicht über Gebühr strapaziert werden wird; wenn das Spiel nicht plötzlich aufhört, das Barzinische Don-Camillo-und-Peppone-Theater, weil etwa die Jeeps der schnellen Polizeiverbände nicht davon lassen wollen, die Bürgersteige, mit einem Rad auf dem Fußgängerweg, von mißliebigen Demonstranten und friedlichen Bürgern zu säubern.

Die Italiener haben schließlich schon mehr als einmal gezeigt – doch davon sprach Barzini nicht – daß es auch Grenzen des Spiels und klare und einfache Antworten gibt. Momos