Von Thomas von Randow

Wie gefällt Ihnen unser Baby? fragte die junge Archäologin, Dr. Gina Gabricevic, während sie mir einen hellbraunen Stein reicht, an dessen einem Ende ein Gesicht mit fliehender Stirn, flacher Nase und einem, wie es scheint, geöffneten, von wulstigen Lippen geränderten Mund herausgearbeitet ist.

Vor achttausend Jahren – „mindestens“ schätzt Dr. Lazar Trifunovic, der Direktor des Belgrader Nationalmuseums, „möglicherweise“ sagt seine Konservatorin Gabricevic – hat ein Steinzeitmensch die Gesichtszüge des schreienden Babys in den Sandstein gemeißelt, dessen embryoähnliche Form den neolithischen Künstler wohl zu seinem Werk inspiriert hat. Dreißig Steine, faust- bis fußballgroß, mit mehr oder weniger profilierten Gesichtern liegen auf den Tischen der Konservierungsabteilung des Museums. Vor wenigen Wochen noch lagen sie als schmutzige Klumpen an der rumänischen Grenze, nicht weit vom Eisernen Tor entfernt, in den „Häusern“ von Lepenski Wir.

Dieser Ort am jugoslawischen Donauufer des Grenzgebietes ist auf keiner Karte verzeichnet. Das nächste Dorf heißt Boljetin. Hier weiß man zwar, daß zwei Kilometer donauaufwärts Forscher aus der Stadt und junge Arbeiter aus der Umgebung ein Jahr lang gebuddelt haben, aber den Alten im Dorf schien das nicht geheuer. Vampire hausen dort, sagen sie, gräßliche blutrünstige Bestien, und das hätten inzwischen wohl auch die gelehrten Herren erfahren, denn mit der Buddelei sei es nun vorüber – man habe alles wieder mit Sand zugeschüttet.

Das hat man in der Tat, doch nicht aus Furcht vor den blutsaugenden Fabeltieren, sondern weil das Geld ausgegangen ist, die aufgedeckten Schätze aber so wertvoll sind, daß sie vor der Witterung und den Amateurarchäologen geschützt werden müssen.

„Um das Jahr 6000 v. Chr. war Lepenski Wir zweifellos ein weithin bekannter Ort, eine große Siedlung vielleicht oder eine bedeutende Kultstätte“, erklärt Dr. Trifunovic; „wir wissen nicht, welchem Zweck die sonderbaren Gebäude, von denen wir bisher 41 freigelegt haben – genau gesagt deren Grundmauern – dienten.“ Trapeze sind es, mit einem festen, zum Teil mit verzierten Platten ausgelegten Boden, 18 bis 22 Quadratmeter groß.

In jedem dieser Häuser befindet sich eine von Steinen eingefaßte, etwas über einen Meter lange und 30 bis 40 Zentimeter breite Grube. Sie ist mit einem Ornament umsäumt, einer Kette von Figuren aus rotem Stein, die wie ein „A“ aussehen. Vor diesen Gruben hatten die Steine gelegen, die Dr. Dragoslav Srejović, Dozent für Archäologie an der Volksuniversität in Belgrad und Leiter der Ausgrabung, ins Nationalmuseum bringen ließ, wo sie, sorgfältig von Jahrtausende alten Sandschichten befreit, Menschen- und Tiergesichter offenbarten, Zeugnisse einer bislang in Europa unbekannten frühneolithischen Kultur.