P. S., Bonn, im August

In das noch schmale Traditionsbuch der Bundeswehr ist jüngst ein neues Blatt eingeheftet worden. Der erste von drei deutschen Raketen-Zerstörern, die in den USA gebaut werden, lief unter dem Namen des Admirals Günther Lütgens vom Stapel, der 1941 auf seinem Flaggschiff „Bismarck“ im Atlantik unterging. Lütjens hatte damals dem Oberkommando der Wehrmacht beweisen wollen, daß der Handelskrieg im Atlantik nicht nur mit U-Booten, sondern auch mit großen Überwasserschiffen geführt werden könne. Mit der „Gneisenau“ und der „Scharnhorst“ hatte Lütjens mehr als 100 000 Tonnen Frachtraum vernichtet. Als er dann aber vor die Wahl gestellt war, die manövrierunfähige „Bismarck“ mit über 2000 Mann Besatzung zu übergeben oder ohne eigene Chance zerstören zu lassen, zog Lütjens das „ehrenhafte“, aber sinnlose Opfer von Schiff und Mannschaft vor. Die deutsche Marine schwankt seitdem im Fall Lütjens zwischen Heldenverehrung und Verurteilung eines nutzlosen Durchhaltefanatismus.

Der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, der 1937 von der Gestapo zu Unrecht in eine Homosexuellen-Affäre gezerrt und 1939 als rehabilitierter Generaloberst in Polen fiel, sowie der Luftheld Werner Mölders, der 1941 abstürzte, werden nach Mitteilung des Verteidigungsministeriums posthum die Taufpaten der beiden anderen Zerstörer.

Nach der Unruhe, die wegen der Lütjens-Weihe in der amerikanischen Presse spürbar wurde, wollen nun einige Abgeordnete von CDU und SPD die eigenwillige Namenswahl Minister Schröders im Verteidigungsausschuß zur Sprache bringen und künftig bei der Benennung der größten deutschen Schiffe mitwirken. Allerdings sind die Parteien und ihre Fraktionen mit Wertungen zurückhaltend, um den Stolz der Bundeswehr nicht zu verletzen. Nur die SPD hält die Lütjens-Taufe für „unglücklich“, die CDU hat keine Meinung dazu, und die Wehr-Sprecher der FPD, zwei ehemals aktive Offiziere, halten es mit dem Minister: Man solle sich von ausländischen Stimmen nicht ins Bockshorn jagen lassen und nichts unnötig aufbauschen.

Dennoch wird selbst innerhalb der Bundeswehr, vor allem bei den jungen Jahrgängen bezweifelt, ob die drei Zerstörer unbedingt an besonders profilierte Gegner heutiger NATO-Partner erinnern müssen. Gewiß, Namen von Ländern, Städten, Tieren, Sternen und Flüssen sind für andere Schiffsgattungen „verbraucht“; eine „Gneisenau“ und eine „Scharnhorst“ kreuzen schon als Schulfregatten.

Es hätten sich auch bei traditionsbewußter Überlegung die Namen aufrechter Staatsmänner angeboten. So wären die Namen „Friedrich Ebert“ oder „Theodor Heuss“ als Paten gewiß in Betracht gekommen.