Die evangelische Kirche in der Feuerlinie Oslberlins

Von Dietrich Strothmann

Keine Politik der kleinen Schritte, sondern eine Politik der kleinen Schikanen betreibt Ostberlin schon seit Monaten gegen die protestantische Kirche. Dabei bemüht sich das SED-Regime freilich, nicht in den Ruf der Kirchenfeindlichkeit zu geraten; andererseits möchte es vermeiden, sich den Anschein "reaktionärer" Kirchenfreundlichkeit geben. Das eine widerspräche Ulbrichts Formel von der friedlichen Koexistenz zwischen Staat und Kirche, die einzuhalten ihm als "Vater" eines Landes mit jahrhundertealter evangelischer Tradition und gegenwärtig über zehn Millionen Bekenntnisprotestanten geboten erscheint. Das andere wiederum stünde in krassem Gegensatz zu seinem Programm von der "Vollendung des Sozialismus" in der DDR, das die ungehinderte Ausbreitung und Praktizierung eines anderen "Glaubens" nicht dulden darf. So sucht Ulbricht mit Hilfe seiner Kirchenpolitiker in Regierung und Ost-CDU für das eine wie für das andere nach günstigen Anlässen, um nach außen hin beides zugleich zu sein: kein Freund, doch auch kein Feind der Frommen.

Den Kirchenoberen verlangt diese Methode des Wechselbades viel an taktischem Geschick ab. Auf die engen Grenzen zu achten, die sie, ohne Schaden an ihrer Sache zu nehmen, nicht überschreiten dürfen, ist für sie häufig zu einem waghalsigen Unternehmen geworden. Ulbricht zu geben, was des Ulbricht ist und Gott, was Gottes ist, zwingt sie zu Entscheidungen, führt stets zu neuen Konflikten. Nicht einmal die eingängige Parole des Greifswalder Bischofs Krummacher – "Sozialistisch arbeiten: ja, sozialistisch leben: nein" – kann in jedem Fall und in jeder Situation noch zur Richtschnur genommen werden. Dies gilt vor allem für Eltern, die treu zu ihrer Kirche halten wollen, deren Kindern es aber deshalb verwehrt wird, die Oberschule oder die Universität zu besuchen.

Hinzu kommen die staatlichen Pressionen, denen die Kirche selber ständig ausgesetzt ist und die an ihren Kräften zehren. Wo Widerstand zu leisten, wo dagegen ein Kompromiß zu schließen ist – dies lädt ihr Bewährungsproben auf, die ihre Glaubensbrüder in der Bundesrepublik allzu häufig und zuweilen leichtfertig mißdeuten. Sie flüchten sich dann gern in die Redensart: Erst im Kampf werde die Kirche zur Kirche.

Der Kirchen-Alltag in der DDR sieht indessen anders aus: Da werden Rüstzeiten der Jungen Gemeinde "organisatorisch" behindert, Gemeindekirchentage unterbunden, Drucklizenzen von Kirchenblättern zurückgezogen, Kirchenräume "anderweitig" vermietet, die Ausreise von Kirchenmännern zu Tagungen der Ökumene oder die Einreise westdeutscher Prominenter des Protestantismus in die DDR verboten, im Schulunterricht die atheistische Propaganda forciert. Der Kirche wird es immer schwerer gemacht, Volkskirche zu sein, ungehindert ihren Glauben zu verkünden. Sie gerät, eine Folge dieses unaufhörlichen Behauptungskampfes, in die Gefahr der Gettoisierung.

Den schärfsten Angriffen aber ist sie dort ausgesetzt, wo sie als Gesamtkirche auftritt, als Evangelische Kirche in Deutschland. Da scheuen Ulbricht und seine Funktionäre selbst nicht vor Diffamierungen zurück. Noch heute ist die EKD für sie die "NATO-Kirche" und der "Faulbaum der Bonner Militärkirche", ist Berlins Bischof Scharf, der ehemalige Ratsvorsitzende, der "Atom-Bischof" oder der "Schanddeckel der Bosheit". So diktiert Ostberlins Staatssekretär für Kirchenfragen, Hans Seigewasser: "Wo auch immer Politiker und Männer der Kirche in Westdeutschland im Sinne der Alleinvertretungs-Anmaßung des Bonner Staates Störmanöver inszenieren, werden wir das gemeinsam zurückweisen; ihre Macht endet an der Grenze des ersten deutschen Friedensstaates." So fordert der Stellvertretende Staatsratsvorsitzende und Generalsekretär der Ost-CDU, Gerald Götting, eine "freie und uanabhängige evangelische Kirche der Deutschen Demokratischen Republik" und behauptet: "Wer heute noch die Losung von der Einheit der evangelischen Kirche propagiert, der unterstützt bewußt oder unbewußt den Bonner Alleinvertretungsanspruch im kirchlichen Raum." Keine Denkschrift, kein Verhandlungsangebot Scharfs vermochte sie eines Besseren zu belehren.