Deutschlands „Volksaktionäre können aufatmen. Die Aktien des Volkswagenwerks und der Veba sind überraschend zu Börsenlieblingen geworden. Preussag-Aktionäre stehen noch „vor der Tür“. Als vor etwa vier Wochen mutige Anleger begannen, VW-Aktien zu kaufen, hatte der Kurs eben die 300-Prozent-Grenze übersprungen, am Wochenbeginn wurde das gleiche Papier mit 420 Prozent bewertet. Oder anders ausgedrückt: Während vor einigen Wochen das gesamte Volkswagenwerk noch 1,8 Milliarden Mark „kostete“, repräsentiert es jetzt einen Börsenwert von rund 2,5 Milliarden.

Natürlich ist das Wolfsburger Unternehmen in dieser Zeit keineswegs um mehr als 700 Millionen „wertvoller“ geworden, denn im Grunde hat sich seither wenig verändert. Ausgelöst ist die VW-Hausse durch eine optimistischere Beurteilung der Zukunftsaussichten. Seitdem man weiß, daß in Wolfsburg wieder Sonderschichten eingelegt werden müssen, um die Nachfrage zu befriedigen, gilt es als sicher, daß an der Dividende von 20 Prozent auch für 1967 festgehalten werden wird. Unter diesen Umständen läßt sich eine Rendite von knapp fünf Prozent ausrechnen, ein Satz, der sich bei keiner anderen erstklassigen deutschen Aktie erzielen läßt.

Einen Kursaufstieg gleichen Stils hat es bei der Veba-Aktie nicht gegeben. Immerhin ist aber auch der Veba-Kurs seit Anfang Juli um rund 18 Prozent geklettert. Das ist um so bedeutsamer, als in dieser Zeit Millionenbeträge an Veba-Aktien echt plaziert worden sind, und zwar aus dem Interventionsbestand, den die Banken bald nach der Börseneinführung der Veba-Aktie aus Gründen der Kurspflege angesammelt haben. Damals warfen Erstzeichner ihre Veba-Aktien ohne Rücksicht auf Verluste auf den Markt.

Geduldiges Ausharren hat sich bezahlt gemacht. Der Veba-Kurs hat den Zeichnungspreis von 210 Prozent übersprungen. Woher kommt die Kurssteigerung? Große Anleger, darunter Investment-Fonds und Versicherungen, haben die Veba-Bilanz analysiert und sind darauf gestoßen, daß die Veba-Aktie an der Börse unterbewertet wird. Millionenposten wanderten in ihre Portefeuilles. Die Aussichten der Veba werden als günstig beurteilt. Sie gilt nicht mehr als Zechengesellschaft, sondern vorrangig wegen ihrer wertvollen Beteiligungen an der Preussenelektra und damit auch an den Nordwestdeutschen Kraftwerken als Stromversorgungsunternehmen.

Die Anleger haben Vertrauen in den neuen Vorstand, insbesondere in den Vorstandsvorsitzenden, Heinz P. Kemper, gewonnen, von dem sie meinen, daß er keinen „Patriotismus auf dem Rücken, der Veba-Aktionäre“ zulassen wird. Gemeint ist damit, daß Kemper bei der im Gespräch befindlichen und von Bonn gewünschten Eingliederung der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) in die Veba die Interessen der Kleinaktionäre wahren und keiner Lösung zustimmen wird, die der Bundesregierung zwar genehm, aber der Veba zu teuer ist. K. W.