Von Waldemar Besson

Klaus Mehnert, Der deutsche Standort. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 416 S., 19,80 DM

Um es vorweg zu sagen: An Klaus Mehnerts neuem Buch gibt es viel zu loben. Zunächst die Persönlichkeit des Verfassers: Er ist ein weitgereister Mann, der seine Kenntnisse, wie man am Fernsehschirm beobachten kann, gut unter die Leute zu bringen vermag. Er ist, was noch wichtiger ist, immer zum Lernen bereit, und er hat in seinem Leben, wie man hier erfährt, auch vieles dazugelernt. Er ist fair gegenüber seinen Landsleuten und jenen, denen sie Unrecht getan haben. Er besitzt ferner keinen alltäglichen Optimismus, was die Welt und die Menschen angeht.

Auch einigen von Mehnerts Themen stimme ich ohne Einschränkung zu. Es ist gut zu wissen, daß unser Verfasser so entschieden für die dynamische Gesellschaft des Westens eintritt und sie gerne auch bei uns verwirklicht sähe. Die überalterten Organisationsformen des deutschen Bildungssystems kritisiert er ebenso wie die bei uns übliche Ablehnung der Tagesschule oder der differenzierten Gesamtschule. Leider ist von der Universität, deren Misere gewiß nicht geringer ist als die von Gymnasium und Volksschule, gar nicht die Rede.

Mehnert tut auch gut daran, uns entschieden an unsere Aufgabe in den Entwicklungsländern zu erinnern. Dort, so meint er mit Recht, liege die wirkliche Herausforderung unserer Zeit für die industrialisierten Staaten. Freilich, die Stichworte „Abenteuer“ und „Bewährung in unerwarteten Situationen“ reichen wohl nicht ganz, um der politischen Seite der Entwicklungshilfe gerecht zu werden. Geht es in ihr doch um ein todernstes Geschäft, weil wir möglicherweise diejenigen fördern, deren revolutionäre Gärungen uns eines Tages selbst bedrohen könnten. Darum wünschte man sich bei Mehnerts jugendbewegter Hinwendung zur Entwicklungshilfe einen Schuß Kennedyscher Rationalität.

Schließlich hebe ich rühmlich hervor, wie intensiv sich Mehnert mit unseren östlichen Nachbarn auseinandersetzt. Noch immer muß man leider manchen Deutschen erst noch sagen, daß sie auch im Osten Nachbarn haben. Voilà: hier ist jemand, der sie kennt und versteht. Ob er freilich richtig interpretiert, was sie sozial und weltpolitisch wollen, steht auf einem anderen Blatt. „Öffnung nach Osten“ ist heute eine beliebte Formel. Mehnert gibt ihr Farbe und Anschauung.

Doch nun sei von den Bedenken die Rede, die mir die Lektüre aufdrängt. Ich folge damit auch der vom Autor selbst dem Buch mitgegebenen Aufforderung. Mehnert sagt, er habe sein Buch nicht als wissenschaftliche Untersuchung geschrieben, es sei vielmehr persönlichem Nachdenken entsprungen. Das ist eine merkwürdige Alternative, zumal für einen Hochschullehrer. Ich meine nicht, daß Wissenschaft nur in einer esoterischen Fachsprache geschrieben werden könne. Aber auf präzise Begrifflichkeit und kritische Reflexion über die eigene Perspektive kann sie freilich nicht verzichten. Beides hat das persönliche Nachdenken des Verfassers ausgespart; deswegen konnten auch nur subjektive Impressionen die Folge sein. Wenn Mehnert nur sie gewollt hat, gilt unsere Kritik nicht. Aber dann ist auch der Anspruch auf Wegweisung problematisch. In seinen früheren Büchern, wo unser Verfasser als Fachmann aus begrenzterer – Perspektive schrieb, hat er gewichtiger geschrieben. „Zur Bestimmung eines Standorts genügen wenige Punkte, ich habe die mir besonders am Herzen liegenden ausgewählt.“ (Seite 9) Genügt das wirklich?