Die Ballade vom nicht untypischen Schicksal des Zeitgenossen Josef Müller-Marein, aufgezeichnet von ihm selbst (IV)

Erst gaben wir im Küchenhaus das Brot, die Margarine und diesmal einen Würfel Käse aus. Die Sendboten der einzelnen Zellen nahmen alles in Empfang und fragten: „Und der Film nachher? Lohnt sich das?“ Dann eilten wir vor die Tür, wo im Matsch ein kleiner VW vorgefahren war, den ein Polizist hierher gesteuert hatte. Er war zugleich Filmvorführer und hatte allerlei Kästen, Kabel, Drähte in seinem Wagen. Wir vom Küchenpersonal halfen ihm, und im Handumdrehen waren eine Leinwand und zwei Lautsprecher angebracht. Und bald danach polterte die Gefängnisbelegschaft in den Saal, wo der junge uniformierte Mann die erste Filmrolle ins Projektionsgerät einlegte. Als das Licht ausging, donnerte eine nie gehörte Stimme: „Viel Vergnügen allerseits! Und daß mir keiner den Gang der Handlung stört!“

Diese überraschende Stimme gehörte Herrn Mewes.

Der Film war amerikanischer Herkunft und spielte in Italien. Rennfahrermilieu. „Ausgerechnet“, sagte aus dem Dunkeln die Stimme eines Gefangenen.

Schon der Vater des Helden war Rennfahrer gewesen. Verunglückt beim Mille-Miglia-Rennen. Es stand ein Kreuz zu seinem Andenken an einer halsbrecherischen Kurve, die so angelegt war, daß einer, der sie nicht schaffte, gleich in die Tiefe kullerte. Ein hübsches Mädchen war auch im Spiel. Tochter eines Reifenfabrikanten, der sehr reich war, obwohl seine Erzeugnisse nichts taugten. Die Tochter übrigens, so rassig sie war, fand keinerlei Anklang bei unserem Publikum. Eher schon die Tatsache, daß die tapferen Rivalen der Rennbahn, wenn sie einander ihre Kameradschaft durch kräftiges Schulterklopfen bezeugten, nie versäumten, „einen zu heben“ und noch einen und noch einen, denn auf drei Beinen kann man nicht stehen.

„Einskommadrei!“ rief einer aus dem Publikum, die Filmmusik übertönend.

„Schnauze!“ sagte Herr Mewes. Aber der Polizist am Vorführungsgerät benutzte die Gelegenheit, die Lautsprecher auf größere Stärke zu schalten. Jetzt wurde das Motorpfeifen ohrenbetäubend. Aber endlich hatte der Held gewonnen, und die zweite Rolle wurde eingelegt.