Dem Farbfernsehen danken wir zunächst beinahe so viele Einblicke in das Liebesleben von Fernsehschaffenden wie Axel Springers Rechercheuren. Werden wir ihm bald mehr zu danken haben?

Die Antwort wird erschwert durch die schillernde Vieldeutigkeit des deutschen Personalpronomens "wir".

Wir Fernseh-Journalisten haben einen neuen Gradmesser gefunden für unser persönliches Prestige. Durch nichts sind wir mehr zu beglücken als durch die Versicherung unseres zuständigen Hauptabteilungsleiters: Ihre Sendung kommt in Farbe.

Wir Politiker haben noch eine lange Durststrecke vor uns. Vorerst werden aktuelle politische Sendungen nicht farbiger werden, es bleibt beim vertrauten Schwarz-Weiß.

Wir Fußballfreunde dürfen noch nicht so bald darauf hoffen, die Trikots in den Vereinsfarben leuchten zu sehen. Nach wie vor wird man den Bundesliga-Mannschaften nahelegen müssen, sich in der Hell-Dunkel-Verteilung unverwechselbar von der Garderobe des Gegners abzuheben.

Wir, die wir nie geglaubt hätten, daß uns Onkel Lou Wunnebar noch einmal beinahe sympathisch werden könnte und die wir uns – wiewohl nicht gerade deswegen – den Goldenen Schuß auch in Farbe nicht ansehen werden, für den ja in letzter Minute mit Vico Torriani ein Showmaster gewonnen werden konnte, der die wichtigste Voraussetzung im deutschen Showbusiness erfüllt, indem er nämlich gebrochen Deutsch spricht – wir haben vorerst offenbar nicht viel zu erwarten.

Sieht man sich das Programm an, mit dem anläßlich der 25. Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin die Farbe über uns hereinbrechen soll, dann bekommt man ein trüb-farbiges Bild davon, wie die vorläufig acht wöchentlichen Programmstunden des ersten deutschen Farbfernsehjahres gefüllt sein werden: neben van Burgs und nunmehr Torrianis "Goldenem Schuß" gibt es Peter Frankenfelds "Vergißmeinnicht", Chris Hollands "Musik aus Studio B" und einen "Galaabend der Schallplatte".