Von Andri Peer

Sie tanzten drei Nächte bei flackerndem Licht. Sie brachen den Schwur, den das Volk geschworen hatte: vierzig Jahre nicht zu tanzen und zu spielen. So hatten die Leute im Saastal nach einer Naturkatastrophe die Bergsteiger besänftigen wollen. Doch die jungen Leute schlichen sich zum Senggboden hinauf und tanzten, bis die Lichter niederbrannten. Und dann füllten sie ihre leeren Lampen mit Schnee. Und der Schnee brannte. Die Tänzer aber ergriff ein Grauen: Dies war ein Tanz mit dem Teufel gewesen. Seitdem liegt ein Fluch auf dem Alpboden. Noch heute, raunen die Alten, soll sich nach Einbruch der Dunkelheit weder Mensch noch Vieh hier aufhalten.

Der Senggboden liegt am Wanderweg zum Walliser Gletscherdorf Saas Fee. Eine Werkgemeinschaft einheimischer Berggänger hat den Pfad auf den Spuren der Gemsjäger und Schafhirten gebahnt. Dieser „Höhenweg Balfrin“ ist ein Wanderpfad durch Urlandschaft, Sage und Einsamkeit. Er führt vom Dorf Grachten, gebaut auf den Buckeln alter Gesteinsrutschungen, zu Matten, schwindelnden Rampen, tosenden Quellwassern, Geröllhalden: ein Hochgebirgspfad für schwindelfreie Berggänger.

Der „Höhenweg Balfrin“ zieht sich auf dem linken Abhang der Saaservispa wie das Kranzgesims eines Felsendoms oberhalb der Baumgrenze von der Hannigalp bis Saas Fee. Sieben Stunden braucht man für die ganze Strecke. Die Seilbahn zur Hannigalp spart anderthalb Stunden ein (und einen Höhenunterschied von 500 Metern). Von diesem Erker der Mischabelgruppe schaut man zum Matterhorn, zu der mächtigen Eisbrust des Weißhorns, zur Pyramide des Bietschhorns, über Weinberge und alte Wälder.

Und nun geht es bergan bis zur Waldgrenze auf dem „dirren (dürren) Berg“. Bald hat man den Aletschgletscher und die Berner Alpen im Rücken und vor sich Fletschhorn und Lagginhorn. Der Weg senkt sich. Man wandert weiter auf schwindelnden Rampen, die in den Felsen gesprengt sind. Der Blick stürzt ab ins Tobel des Eistbaches. Bei der nächsten Gabelung nimmt man den oberen Weg zur Stockfluh. Nach knapp anderthalb Stunden tüchtigen Ausschreitens von der Bergstation Hannigalp aus hat man jetzt den höchsten Punkt des Höhenwegs erreicht: 2240 Meter. Weiter über Fluhbänder und Hangschultern zum Rotbiel. Dieser Abschnitt hat viel Schweiß und Geld gekostet. Doch davon kein Wort, auf einer Tafel eingehauen der Satz: Als Weg in die Stille eröffnet die Werkgemeinschaft Balfrin diesen Höhenweg allen wanderfrohen Menschen.

Auf der einsamen Balfrinalp weiden die Bauern von Grächen, Listen und Stalden im Sommer ihre Schafe. In der kleinen schiefen Hütte erzählen die Hirten einander in den Nächten alte, gruslige Geschichten: vielleicht vom Drachen im Schilthorn, einem eisgrauen Gefangenen, der im Stein wühlt und nagt, bis der Berg ins Tal stürzt .. Das ist nicht weit von den silbernen Wasserfäden des Balfringletschers, nur eine Stunde, dann verläßt der Pfad die luftige Galerie des Bockwang, flieht die heiteren Ausblicke ins Tal und mündet in eine Geröllhalde (jedoch markiert und gut begehbar). Dies düstere, zyklopische Trümmerfeld entstand durch einen Bergsturz vom Schilthorn. Die Alten sagen, man könne den Lindwurm tief im Berg nagen hören, unablässig nagen, bis die Felsen wanken.

Rasch wechselt die Szenerie dieser heroischen Einsamkeit. Wie anders wirkt dies auf den Wanderer ein: Auf der sanften Stafelalp blühen die Alpenblumen rot und blau. Die Matten sind übersät von Männertreu, dem lieblichen Blümlein mit dem Duft nach Vanille, Doch man soll nicht zu heftig daran riechen, raten die Einheimischen: Männertreu macht Nasenbluten.