FÜR Feuilletonisten, was nicht unbedingt ein Schimpfwort sein muß, und andere, die meinen, Sprache habe es nicht nur mit Grammatik, sondern auch mit Gesellschaft zu tun: Ferdinand Kürnberger: „Feuilletons“, ausgewählt und eingeleitet von Karl Riha; Sammlung Insel 30, Insel Verlag, Frankfurt; 188 S., 6,– DM.

ES ENTHÄLT fünfundzwanzig Feuilletons, die der „Ludwig Börne Österreichs“ zwischen 1848 und 1875 zu politischen, zeitkritischen und literarischen Themen schrieb. Ferdinand Kürnberger, Vorläufer der „Wiener Kritik“ und Vorbild für Peter Altenberg, Hermann Bahr und Karl Kraus, wurde 1821 als Sohn eines Wiener Laternenanzünders geboren, nahm an der Wiener Revolution von 1848 und dem Dresdner Aufstand von 1849 teil, bekam dafür neun Monate Festungshaft und wurde überdies jahrelang in Wien „wegen unbefugter Abwesenheit im Ausland“ steckbrieflich gesucht. Außer seinen Kritiken schrieb er Romane, Novellen und Dramen. Er starb 1879.

ES GEFÄLLT, weil Kürnberger, der Freiheit als die Abwesenheit von Unfreiheit definierte, mit jeder Zeile beweist, wie sehr er sich seiner eigenen Definition verpflichtet fühlte, der zuliebe er sich keinem Journal engagierte und darauf bestand, von unregelmäßigen Einkünften zu leben; weil dieser unabhängige Journalist mit Hilfe der sprachlichen Demaskierung dafür sorgte, daß nicht Schönrednerei und literarische Wolken die Ungerechtigkeit seiner, aber nicht nur seiner Zeit ganz und gar verhüllten. Am deutlichsten wird das in seinen Zeitungskritiken, in denen er aussprach, was für viele Presseerzeugnisse auch heute noch gilt: daß der Intellekt so einigermaßen richtig, aber der Charakter ziemlich schwach sei. „... die honette Presse, welche mit der Skandalpresse nichts gemein haben will, sie desavouiert und außer Kollegialität erklärt, sollte sich ernster zu Gemüte führen, wie verzweifelt verwandt sie im Wesen und bloß nicht der Form nach mit dieser ist. ... Wenn die Skandalpresse ein armes verleumdetes Mädchen zur Verzweiflung und zum Giftmord treibt, so schreit das ganze Gemeinwesen auf; aber ihrerseits vergiftet die honette Presse noch um vieles verderblicher, denn ihr ewiges Kreieren und Befördern usurpierter Reputationen hat Urteile verfälscht, Maßstäbe zerbrochen, Gewissen korrumpiert, welche sittlicher Lebensbedarf und noch höher im Werte als ein einzelnes Menschenleben.“

Hilke Schlaeger