Es gibt wohl keinen stärkeren Beweis für elementare Begabung, als daß ein Künstler, Dichter oder Schriftsteller nicht in das Experiment auszuweichen braucht, um sich dem Klischee zu entziehen. Die Rede ist hier von –

Italo Calvino: „Marcovaldo oder Abenteuer eines einfachen Mannes in der Stadt nach dem Kalender erzählt“, aus dem Italienischen von Heinz Riedt; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 148 S., 10,80 DM.

Der Autor, 1923 auf Cuba geboren, in San Remo aufgewachsen, gehörte in den vierziger Jahren der italienischen Widerstandsbewegung an, war dann kommunistischer Partisan und trat nach dem ungarischen Aufstand aus der kommunistischen Partei aus. Von dem politischen Engagement blieb die gesellschaftskritische Einstellung und die Sehnsucht nach einer intakten Welt übrig. Calvinos bisheriges literarisches Hauptwerk ist der Roman „ll sentiero dei nidi di ragno“ (deutscher Titel: „Wo Spinnen ihre Nester bauen“). Der vorliegende Erzählungsband erschien 1963 bei Einaudi in Turin. Er weist den Verfasser aus als einen bitter-humorigen Karikaturisten der Industrie- und Konsumgesellschaft und einen Meister der Erfindung wie des Vortrags. Sein echtes Künstlertum bewährt sich in der leichten Hand, mit der er die kritische Tendenz zwar keineswegs versteckt, sie aber aufs liebenswürdigste und überzeugendste aus den skurrilen „Abenteuern“ des ewigen Pechvogels Marcovaldo hervorschauen zu lassen weiß.

Dieser Marcovaldo ist ein Mensch, den die Abergläubischen des unentwegten Fortschritts lächerlich finden, die Wissenden bedauern, die Weisen lieben müssen. Er ist ein reiner Tor des modernen Lebens; „einzig fühlende Brust“ zwischen den Larven einer verstörten und verstörenden Welt; Opfer seiner kindhaft gebliebenen Phantasie, seiner Illusionen, seiner rosigen Vorstellungen und optimistischen Träumereien.

In ihrer Gesamtheit ergeben die – in fünf Jahreszyklen ablaufenden – Begebenheiten einen einzigen Alptraum von der Gefangenschaft des Menschen. Dabei jedoch kommt nicht einmal die besondere Poesie, die synthetische Romantik der künstlichen Lebensräume zu kurz; sie kortrapunktiert sogar recht eindringlich die atavistische Wirklichkeit der „unwirklichen“ Marcovaldo-Sphäre.

Der Umschlagtext vergleicht Marcovaldo mit dem Mann mit Melone, Spazierstock und Bärtchen. Aber Marcovaldo ist nicht nur ein anderer Typ; er scheint mir auch noch etwas mehr zu sein: Seine Lächerlichkeit hat fast gar keine eigentliche Komik, dafür um so mehr wahre Tragik. Walter Abendroth