„Offenes Haus“ für Seelenkranke – Ein mutiger Versuch

Lüneburg

Bis auf einen kleinen Teil können alle zu einem nützlichen Leben zurückgeführt werden“, meint der leitende Arzt, Emil Thiemann. Er trägt keinen weißen Kittel, sondern Wanderkluft. Niemand käme auf die Idee, es seien „Verrückte“, mit denen er einen Fünfstunden-Fußmarsch durch die Heide macht, denn „die dürfen ja nicht frei herumlaufen“.

Die Rehabilitationsklinik von Häcklingen bei Lüneburg gleicht eher einem „Hotel mit Selbstbedienung“ als einem Krankenhaus. Dieses Heim, das Menschen im Alter von sechzehn bis sechzig Jahren aufnimmt und ihnen nicht nur Bett, Essen und Medikamente, sondern ein Zuhause gibt, steht Modell für ein Unterfangen, das vielen noch riskant erscheint: Die Rückführung psychisch Erkrankter in eine normale Umgebung.

Am Eingang des ehemaligen Herrensitzes gibt es keinen Pförtner, den, wer käme, passieren müßte. Hausordnung, Tages- und Behandlungsplan werden trotzdem eingehalten. Und nur hin und wieder reißt einer aus: Entweder kommt er bald von allein zurück, oder er meldet sich nach einer Nacht im Regen oder zwei Tagen in einem Gartenhaus, um abgeholt werden zu können. Kommentar eines Mitpatienten über den letzten Freiheitsausbruch eines Heiminsassen: „Der spinnt!“

Im Notfall wird die Polizei bemüht. Aber Angst ums Bett gibt es nicht – so ein Ausflug wird nicht bestraft. Es gehört zur Therapie, das Selbstbewußtsein zu stärken. Und der Hausherr wertet die Flucht nach draußen positiv: „Sie wollen sich nur mal ihre volle Freiheit bestätigen.“ Selten muß jemand in die „geschlossene Abteilung“ eines Großkrankenhauses zurück.

In diesen Großkliniken, wo psychisch Kranke, Süchtige, Kriminelle und Schwachsinnige zusammen sind, kann sich ein Mensch, der sich auf dem Wege zur Gesundung befindet, schwer erholen. Kaum ein Patient wird dort mit den Bedingungen, die zu seiner Krankheit führten, vertraut gemacht – abgesehen von Ausnahmen. Im Alexander-Möllering-Haus ist das anders: Jeder weiß Bescheid, jeder wirkt an der Korrektur seiner Krankheit mit. Hier wird für jeden einzelnen, individuell abgestimmt, größtmögliche Entfaltung aus brach liegenden Funktionsbereichen angestrebt: In kleinstem Rahmen – wohnlich, familiär und überschaubar – werden Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen und ausprobiert oder auf alten Berufstrümmern neu aufgebaut, wird das Eingliedern in eine Gemeinschaft reell praktiziert – Vorstufe sozusagen zwecks späterer Eingliederung in die Gesellschaft, vor der die meisten noch Angst haben.