Washington, Ende August

Mit Henry Cabot Lodge, dem früheren Botschafter in Saigon, als Mentor an der Seite, hat sich eine von Präsident Johnson ausgewählte Gruppe von einigen Dutzend amerikanischen Kongreßmitgliedern und Notabeln des öffentlichen Lebens nach Vietnam auf den Weg gemacht, um dort die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen zu beobachten. Sie haben keinerlei Inspektions- oder Kontrollbefugnisse. Den USA stünde es auch schlecht an, sich in Südvietnam zum Schiedsrichter aufzuspielen, wo doch gerade mit den Wahlen der Beweis demokratischer Reife und eigenstaatlicher Unabhängigkeit erbracht werden soll. Dem Weißen Haus kommt es aber darauf an, vor dem mißtrauischen Kongreß zu demonstrieren, daß das militärische Kandidatengespann Thieu–Ky in Saigon aus diesen Wahlen keine Farce macht, die dem Demokratisierungsprozeß in Südvietnam mehr schaden als nützen würde.

Ob das alle im Kongreß lautgewordenen Vorbehalte zum Verstummen bringt, ist freilich zweifelhaft. Die zivilen Wahlkampfkandidaten sind von den Offizieren recht schnöde in den Hintergrund gedrängt worden; außerdem dürfen nur „brave Burschen“ um die Wähler werben, Kommunistenfreunde sind ohnehin ausgeschaltet worden.

Mehr als je zuvor machen Präsident Johnson die Resultate der Meinungsumfragen zu schaffen, die einen ständigen Abfall seiner Popularität und ein steigendes Mißbehagen der Amerikaner an diesem ausweglosen Krieg registrieren. Johnson hat zum erstenmal allen Grund, um sein Präsidentenamt zu bangen. J. Schw.