Von Hans Gresmann

Hinter der verschlossenen Tür des Zimmers 224 im Bundesgebäude in Washington ist in der vergangenen Woche amerikanische Geschichte gemacht worden. Etwas Unerhörtes hat sich hier abgespielt.

Johnsons Verteidigungsminister McNamara, das menschliche „Elektronengehirn“ aus dem Pentagon, hat vor einem Senatsausschuß nicht mehr und nicht weniger bekundet, als daß der gegenwärtige amerikanische Luftkrieg gegen Nordvietnam sinnlos sei. Zwar plädierte er vor den Senatoren nur gegen eine Verstärkung des Bombardements, aber seine Argumente liefen darauf hinaus, daß auch die Bomben, die jetzt schon geworfen werden, für den Ausgang des vietnamesischen Dschungelkrieges schließlich ohne Belang seien. Das ist für viele Amerikaner eine erschütternde Feststellung, und sie wird, sobald sie erst einmal in das öffentliche Bewußtsein eingesickert ist, eine tiefgreifende Wirkung auf die Einstellung der amerikanischen Bevölkerung zum Vietnamkrieg ausüben.

Welches waren McNamaras Argumente? Eiskalt, ganz der unbestechliche Rechner, als den man ihn kennt, stellte, er fest: „Es gibt wenig Grund zu der Annahme, daß konventionelle Luft- und Marineaktionen, von dem andauernden und systematischen Bombardement der Bevölkerungszentren abgesehen, den Nordvietnamesen ihre Bereitschaft nehmen werden, die Bemühungen ihrer Regierung zum Sturz und zur Übernahme der Regierung Südvietnams weiter zu unterstützen.“

Das ist, wiewohl etwas umständlich ausgedrückt, aus dem Munde des amerikanischen Verteidigungsministers eine wahrhaft sensationelle Feststellung. Denn sie besagt implicite, daß der Kriegswille der Nordvietnamesen allein durch das „Ausradieren“ der Städte – wohl gar durch Nuklearwaffen – zu brechen sei. Wörtlich ließ McNamara die Senatoren wissen, seiner Meinung nach seien die Nordvietnamesen nicht an den Verständigungstisch zu „bomben“.

Und jenes andere Ziel, das den amerikanischen Militärs bei der Bombardierung Nordvietnams vorschwebt? Werden wenigstens die Nachschubwege nach Südvietnam verläßlich unterbrochen? Keine Rede davon, meinte McNamara. Die Luftangriffe könnten die fortdauernde Infiltration von Soldaten und Waffen nach Süden zwar behindern und erschweren, aber nicht entscheidend treffen.

Der vietnamesische Krieg also, folgt man dem Zeugnis des höchsten amerikanischen Experten, ist nur im Süden zu gewinnen. Aber gerade, weil er doch im Süden, bei den Guerillakämpfen im Dschungel, offenbar nicht zu gewinnen ist, war der Ruf nach dem Bombenkrieg gegen den Norden immer lauter geworden.