Von François Bondy

„Was mir vollständig fehlt, sind: überzeugung, Gehorsam und Dummheit.‘

Unter allen. Grundrechten des einzelnen, von denen neuerdings so viel geredet werde, meinte Baudelaire, seien zwei vernachlässigt, die ihm selber am meisten galten: das Recht, sich zu widersprechen, und das Recht, davonzugehen. Vom Recht, davonzugehen, hat der pariserischste aller französischen Dichter erst im Februar 1864 Gebrauch gemacht, als er nach Brüssel übersiedelte; aber er hat dabei seine Haßliebe gegen Paris nur mit dem totalen Haß gegen Belgier, eingetauscht, das für ihn zum Inbegriff des geistlosesten Philistertums geworden ist. Hier ereilten ihn dann die ersten schweren Anfälle der Lähmung – Spätwirkung der Syphilis –, und er wurde von seiner Mutter als ein Verdämmernder, der Sprache Beraubter im Juli 1866 nach Paris zurückgeholt, wo er am letzten Augusttag 1867 in ihren Armen verschied.

Aber vom Recht auf Widerspruch hat Baudelaire den ausgiebigsten Gebrauch gemacht. Damit ist nicht sein Stilmittel gemeint, des extrem zusammengedrängten Kontrastes zwischen Ewigem und Augenblick, Antike und Modernität, Erlesenem und Trivialem, poetischem Ornamen: und Prosabrocken. Denn hier ist die Koexistenz der Widersprüche zu einer Form geronnen. Noch über diese Form hinaus geht das Streben nach Unbeweglichkeit – „ich hasse die Bewegung, die die Linien stört“ – im heftig gespürten Verrinnen der Zeit, worin ihm die Sekunde zum Maß der Dichtung wurde.

Je nachdem, was man von ihm zitiert, ist Baudelaire der „letzte Klassiker“, der in der Selbststilisierung des Dandy die letzte Möglichkeit des antiken Helden in moderner Zeit nachlebt und dessen Gedichte sehr oft mit konventionellen Füllwörtern und rhetorischen Übergängen belastet sind, wie sie Rimbaud und Mallarmé nicht mehr brauchen. Oder, umgekehrt, kann man ihn als den ersten Dichter der reinen Gegenwart verstehen, der von den Reizen des Aktuellen unablässig fasziniert ist.

Und der Kritiker? Er, der das Gedicht auf der Augenblick konzentriert, ohne jede Handlung, die eine Zeitspanne erfordern würde, bewunder: über alles Delacroix, dessen Gemälde immer noch Geschichten erzählen. Zugleich allerdings hat er sich in Edgar Allan Poe wiedererkannt und in Richard Wagner, dem er 1860 schrieb, er habe den Eindruck, seine Musik schon in sich selber erlebt zu haben, bevor er sie zum erstenmal hörte. Die Ästhetik des Kritikers deckt sich nicht mit der Dichtung, ist manchmal voraus, manchmal hinterdrein.

Jean-Paul Sartre hat Baudelaire von seiner Existenz her und in seinem Hang zur Selbstentmündigung dargestellt, in einer Psychologisierung, die so große Angriffsflächen bietet, daß man zögern muß, nochmals auf diese überdimensionierte Zielscheibe zu schießen. Er mokiert sich über das Leben eines Menschen, der „den Hang zum erlesensten Luxus mit der Lust an den niedersten Dirnen verbunden“ habe, zwischen Selbstdämonisierung und Heischen nach Mitleid und Geborgenheit.